Petra Hartlieb. - © A. Pessenlehner
Petra Hartlieb. - © A. Pessenlehner

Eine Winternacht in Wien. Die schwach beleuchteten Straßen sind vom Schnee romantisch wie mit Puderzucker bestreut, es schneit noch immer dicke Flocken. Die bezaubernde Juliette Binoche steht verzweifelt mit verfrorenen Fingern vor ihrer Buchhandlung in der Währinger Straße und schaut nach oben. Oh je, sie hat am Abend vergessen, die Markise vor dem Schaufenster einzurollen. Die ist noch nicht abbezahlt, droht aber gerade unter der Last des Neuschnees einzustürzen.

Daniel Brühl sieht das aus der Straßenbahn, die ihn von einer launigen Party heimbringen soll, steigt spontan aus und eilt Binoche zu Hilfe. So könnte im Stil von "Chocolat" der Film "Meine wundervolle Buchhandlung" beginnen, und wir wollen ihn sehen.

Noch ist es aber nur ein Buch, das die Autorin und Buchhändlerin Petra Hartlieb rechtzeitig vor dem ersten heurigen Schnee veröffentlicht hat. Und was für ein Buch! Man kennt ja die beliebten Anleitungen für Autobastler oder die g’schmackigen "Making Ofs" von TV-Serien, aber nirgendwo fließt das Herzblut von Beteiligten so dick wie in diesem Bericht aus der Welt der Bücher, Autoren, Leser und Händler.

Petra Hartlieb schafft es, uns ihr kleines kapitalistisches Geschäftsmodell mit Familienanschluss dank sorgfältig und lebendig beschriebener Beispiele und Schlussfolgerungen so einleuchtend und anrührend zu verkaufen, dass wir Adornos berühmter Behauptung, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, widersprechen möchten. Das hier sieht ziemlich richtig aus.

Von Hamburg kommend und in Wien (sie wiederum, er erstmals) hängen geblieben, haben sie und ihr Mann vor zehn Jahren begonnen, ihre Leidenschaft für Bücher, für ein Leben mit Freunden und für eine harmonische Zusammenarbeit auszuleben. Das heißt, sie haben es versucht, und natürlich ist nicht alles sofort gelungen. Die Fallhöhe von der Begeisterung herunter ins tatsächliche Leben war manchmal atemberaubend, und ein paarmal wollten sie aufgeben.

Nur vom vorläufigen Ende her erzählt sich das also als Erfolgsgeschichte. Da werden Mitarbeiterinnen gecastet, die manchmal mehr vom Geschäft verstehen als die Hartliebs selbst - und manchmal gar nichts. Beide Modelle werden ein Erfolg. Eine Mitarbeiterin erfüllt sich einen Traum, die andere braucht nur Geld. Die Hartliebs brauchen beide.

Wir fühlen mit, wie die praktische Wohnung unmittelbar über der Buchhandlung vom Segen zum Fluch wird - und wieder retour. Wir streifen die Krisen einer Ehe, aus der es wegen des Erfolges Tag und Nacht kein Entrinnen gibt; und wir verfolgen gespannt, was dieses Leben mit einem Jugendlichen macht, der als entwurzelter Hamburger Sohn alles mit sich, aber nichts mit Büchern anfangen kann.

Hier offenbart sich die bemerkenswerte Qualität dieses schmalen Buches: Es ist einerseits die wunderbare Beschreibung einer liebenswerten Spielart von Buchhandel samt rührendem Appell zu deren Erhalt gegen die Internetriesen. Und es ist andererseits und zuvorderst eine große Liebeserklärung der Autorin an ihre Familie: an ihren Mann, ihre Tochter und ihren Sohn, ohne die das alles so nicht möglich gewesen wäre.