Ein Mann steht in einem Museum in Sydney vor einem Bild. Es zeigt eine Frau, die nackt eine Treppe herunterkommt. Ein millionenschweres Bild von einem berühmten Maler. Der Betrachter des Bildes erzählt eine unglaubliche Geschichte dazu, man könnte sagen, eine unglaubwürdige Geschichte. Aber man kennt den Mann ja noch nicht, weiß ihn noch nicht einzuschätzen. Er ist Anwalt und kann einem vieles erzählen. Das tut er dann auch. Und die Geschichte wird auch in den folgenden Kapiteln nicht plausibler.

"Zwei Männer sind in ein Schlamassel geraten und wollen es in Ordnung bringen, und ob es tatsächlich gelingt, liegt in der Hand der Frau. Eine alte Geschichte." So erklärt einer der Protagonisten die Situation. Schlink fügt der Dreiecksgeschichte noch einen vierten Mitspieler hinzu: den Icherzähler. Das ist ein durch und durch rationaler Mensch, der Verträge für Zusammenführungen und Übernahmen von Firmen ausarbeitet. Er verliebt sich als junger Mann in den späten 1960er Jahren gegen jede Vernunft in die Frau auf dem Bild und schlägt sich auf ihre Seite, dabei soll er doch als Anwalt den Maler des Bildes unterstützen, der mit dem Auftraggeber des Bildes sowohl um die Eigentumsrechte am Bild als auch an der Frau kämpft.

So kompliziert, wie es klingt, ist es auch, was den Erzählfluss eher lähmt als befördert. Aber es gibt ja noch diesen zweiten Teil der Geschichte, als Jahrzehnte später alle beteiligten Personen wieder zusammentreffen, in einer Bucht an der australischen Küste, wo die Frau abgeschieden lebt. Es kommt zu einer Abrechnung, allerdings mit den eigenen Idealen. Der Anwalt setzt sich mit seinen Versäumnissen auseinander, erkennt, dass die Vernunft ihn zu oft eingeschränkt hat und überlässt sich für eine Weile der Welt der Gefühle, ohne allerdings an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

Bernhard Schlink hat als Schriftsteller bereits bewiesen, dass er psychologische Tiefen ausloten kann. In diesem Roman gelingt es ihm jedoch nicht, die Beweggründe seiner Figuren einsichtig zu machen. Vor allem seiner Protagonistin möchte er die geheimnisvolle Aura belassen, was dazu führt, dass die Figurenzeichnung nebulos ausfällt. Warum nimmt sie all "die blöden Frauenrollen" an, die ihr die Männer aufdrängen und die ihr so verhasst sind? Welche Rolle hat sie bei den Studentenunruhen 1968 und später in der linken Szene
gespielt? Auch die anderen Charaktere bleiben seltsam blutleer. Warum stellt der nach Wahrheit suchende Icherzähler die wirklich wichtigen Fragen nicht? Dass er für diese "Frau auf der Treppe" so heftig entflammt, kommt über die Behauptung nicht hinaus, Schlink gibt den Lesern wenig Chance, das nachzuvollziehen. Auch der Plot wirkt hölzern und konstruiert. Dadurch bleibt die Spannung auf der Strecke, und
einige schöne philosophische Passagen können die Geschichte nicht retten.

Dabei wäre die Thematik durchaus dazu geeignet, Leseinteresse zu wecken. Es geht um Besitz und Verlust, vertane Chancen, falsch gelebte Leben, um Vernunft und Wagnis. Schlink allerdings wagt bei dieser Geschichte nichts, er kalkuliert. Vermutlich kann er sich aus den Zwängen der Bestsellervorgaben so wenig befreien wie sein Icherzähler aus dem Dilemma zwischen Wollen und Dürfen.