Hamburg. "Ich komme aus den masurischen Sümpfen, meine Herren. Und dort war der Horizont sehr niedrig. Alles war überschaubar, erfahrbar. Und das hat mir ausgereicht." Es dürfte schon viel Understatement mitgespielt haben bei dieser Aussage von Siegfried Lenz in einem Interview mit der "Zeit". Aber sie zeigt auch zwei Eigenschaften, die den Schriftsteller ausgemacht haben: eine starke Verbundenheit mit einer verlorenen Heimat. Und eine gewisse Bescheidenheit. "Leise" ist ein Wort, das nicht selten im Zusammenhang mit Siegfried Lenz verwendet wird. Am Dienstag ist der Schriftsteller, der einer der bedeutendsten und einer der meistgelesenen Repräsentanten der Nachkriegsliteratur war, mit 88 Jahren gestorben.

1926 wurde Lenz im ostpreußischen Lyck geboren, als er gerade einmal schulpflichtig war, ließ ihn seine Mutter bei der Großmutter zurück. Diese war, wie es auch der Enkel werden sollte, eine große Geschichtenerzählerin. Und sie brachte ihm früh bei, wie Erfahrungen Einstellungen prägen: Sie, von ihrem Mann verlassen, schleppte den jungen Siegfried zu jeder Hochzeit im Ort. Wenn das Brautpaar aus der Kirche trat, sagte die Großmutter jedes Mal, in tröstlichem Tonfall: "Jungchen, das geht nicht gut aus."

Illusionsloser Deserteur

Auch Siegfried Lenz sollte schließlich in seinem Werk viel mit seinen eigenen Lebenserfahrungen arbeiten. Das Erzählen war ihm "gleichbedeutend damit, leben zu lernen. Mir klar zu werden über dieses unglaubliche Dickicht des Lebens."

Mit 17 Jahren wurde Lenz 1943 zur Kriegsmarine eingezogen. Lenz machte kein Hehl daraus, dass das Elend der Flüchtlingstrecks und die Schmutzigkeit des Sterbens ihn verändert hatten. Eine Zäsur brachte für ihn das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944: "An diesem Tag stürzte ich aus einer Illusion", sagte er. In Dänemark desertierte er in den letzten Kriegswochen - dass er sich damit in Lebensgefahr brachte, "so weit dachte ich gar nicht". Nach der Kriegsgefangenschaft wurde er Feuilletonredakteur bei der "Welt", schließlich freier Schriftsteller. Er siedelt sich in Hamburg an und veröffentlicht 1951 seinen ersten Roman "Es waren Habichte in der Luft".

Lenz war ein Meister der humorvollen Novellen und Erzählungen, der kurzen Form. Sein Freund Marcel Reich-Ranicki bedauerte in einer Geburtstagsrede einmal, dass er Lenz den Roman nicht so wirklich zugetraut habe: "Er sei also ein geborener Sprinter, der sich in den Kopf gesetzt habe, er müsse sich auch als Langstreckenläufer bewähren." Dieses Urteil musste er schließlich zurücknehmen, als Lenz die "Deutschstunde" veröffentlichte.