Bruck an der Mur, Murbrücke: Olga Flor würdigt in ihrem Poem "Schattenliebe" die Ästhetik des Profanen. - © Verlag Jung und Jung
Bruck an der Mur, Murbrücke: Olga Flor würdigt in ihrem Poem "Schattenliebe" die Ästhetik des Profanen. - © Verlag Jung und Jung

Georaum nennen Geographen den physischen, nach seiner Lage, Struktur und Form beschreibbaren Raum. Menschliches Handeln gestaltet und verändert diesen gegebenen Erstraum permanent. Raum ist also eine so komplexe wie variable Ganzheit - und doch ein etwas abstraktes Gebilde. Als konkretere Wahrnehmungskategorie bietet sich da schon der Ort dar. Aufgeladen mit Geschichte und Geschichten, organisiert nach sozialen Spielregeln, entpuppt er sich als vielschichtiges Erfahrungsterritorium.

Sensiblen Weltwahrnehmern wie Schriftstellern dienen Orte oftmals als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Erinnerungen, für Ideen und Visionen. Ob als Lebensstation des Autors oder als Schauplatz eines Werks, immer gehen literarisierte Land- und Ortschaften in einer "Bedeutungsgeographie" auf. In einem Metaraum, wo Wirklichkeit und Fik- tion sich mischen.

Literaturgeographie


Im Sog des sogenannten spatial turn, der Wiederentdeckung des Raums in den Kulturwissenschaften, formiert sich auch das Forschungsfeld der "Literaturgeographie" neu. So hat das Institut für Kartografie und Geoinformation der ETH Zürich eben einen interaktiven "Literarischen Atlas Europas" erstellt, der die "komplexen Überlagerungen von realen und fiktionalen Geographien sichtbar machen soll". Doch auch die Schriftsteller selbst betätigen sich als Topo- und Kartographen: Christoph Ransmayr etwa verortete seine Weltreisen in dem "Atlas eines ängstlichen Mannes", während Michel Houellebecq in "Karte und Gebiet" u.a. eine symbolische Landvermessung mittels Michelin-Karten unternahm.

Waldstück in Purkersdorf: Für Thomas Raab geht hier das Tor zu einem rettenden Ort seiner Kindheit auf. - © Verlag Jung und Jung
Waldstück in Purkersdorf: Für Thomas Raab geht hier das Tor zu einem rettenden Ort seiner Kindheit auf. - © Verlag Jung und Jung

Und nun der "Österreich-Atlas" aus dem Verlag Jung und Jung: Der Fotoband erweist sich als literaturgeographisches Juwel. Knapp 70 Autoren aus Österreich und den Nachbarländern folgen darin einer Doppelspur - um dieser ihre eigene Fährte einzuschreiben:

Die Grundspur legte der Wiener Hofkammerbeamte Joseph Kyselak mit seinen "Skizzen einer Fußreise durch Österreich" (Neuauflage 2009, Jung und Jung). Zur Legende wurde Kyselak aber nicht als dichtender Wanderfalke, sondern als eitler Schmierfink, der auf markanten Felswänden und Bauten seinen Namenszug hinterließ.

Spur zwei zog der 1949 in Graz geborene Fotograf Anton Kiefer, der die Stationen des biedermeierlichen Taggers aus klischeeferner Perspektive erfasste. Zu dieser Fotogalerie hat nun eine prominente Autorenriege Lyrisches und Prosaisches verfasst. Die Wahl des jeweiligen Ortsbildes erfolgte nach persönlichen Kriterien wie Geburts- oder Wirkungsort, oder weil dort ein (Alb-)Traumpfad der Kindheit verlief: