"Wintergasse, und trotzdem Tauwetter, immerwährend, ein Abschmelzen des Korsetts aller in sich getragenen Selbstbilder", assoziiert der Wiener Autor und Musiker Thomas Raab zum Nebelwald von Purkersdorf. Denn ganz nah davon, in der Wintergasse, lag Onkel Ottos Garten. Und da fand Thomas, das ängstliche Stadtkind, etwas unschätzbar Kostbares: sein Selbstvertrauen.

Kein Tauwetter hingegen im kärntnerischen Griffen: Für Peter Handke bleibt sein Heimatort frostig, wie auf Kiefers Fotografie. Das Bild vom Ortsrand bietet dem Autor keinerlei Anhaltspunkt, die nüchternen Wohnblöcke der Peripherie erscheinen ihm verzerrt wie El Grecos Toledo. Nicht ortbar auch das Haus der Mutter "am Rain, von wo in der Osternacht mit Böllern die Auferstehung gefeiert wurde (und wird?) . . . Vielleicht. Nur: welche Auferstehung."

Ein schneebedeckter Stiegenaufgang katapultiert Elfriede Jelinek in ihren Geburtsort Mürzzuschlag, und in ein Gedankenspiel über den Schnee: "ein reines Naturprodukt", flüchtig und stumm. Und weil die Natur eben nicht, wie behauptet, zu uns "spricht", übernimmt die Nobelpreisträgerin diese Aufgabe. Sie deutet die verschneite Hausstiege als eine Schnittstelle zwischen ihren steirischen Naturerfahrungen, ihre Wiener Welt - und ihrer Sprache.

Leere des Nicht-Ortes


Die Antithese des Ortes, also der Nicht-Ort, offenbart sich dem oberösterreichischen Autor und Regisseur Kurt Palm in Attnang-Puchheim. Die Bombardements des Zweiten Weltkriegs und eine chaotische Raumplanung haben das Städtchen "Nang-Pu" seiner Identität, seiner Seele beraubt.

Regisseur und Autor in Person ist auch der Niederösterreicher David Schalko. Sein schelmischer Mini-Krimi erweckt das alte Rotlichtmilieu des gentrifizierten Wiener Spittelbergs zu neuem Leben.

Und Universalkünstler Gerhard Rühm komponiert die Geschichte des Semmering im Stil einer Suite: Intrada - eine Pilgerstation mutiert zum mondänen Luftkurort. Pasticcio - das Who is Who der altösterreichischen Literatur-, Kunst- und Musikszene macht am Zauberberg Halt; am 13. März 1938 erschallt für sie das letzte "Semmering, Semmering!" Intermezzo - Vertreibung, Krieg, Vandalismus durch russische Besatzer, Verfall. Coda - Neubeginn.

Der "Österreich-Atlas" ist eine Schule der Wahrnehmung: Bildästhetik und literarische Brechung verwandeln die reale Geographie in einen poetischen Drittraum.

Buchpräsentation mit Lesung mehrerer Autoren am Dienstag, 28. Oktober, um 19.00 Uhr in der Hauptbücherei am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien. Die Fotos aus dem Buch sind noch bis Ende Oktober in der Hauptbücherei ausgestellt.