Roland Buti. - © Yvonne Böhler
Roland Buti. - © Yvonne Böhler

Der Sommer 1976 war das, was man ein gemeinhin einen Jahrhundertsommer nennt. Doch brachte er nicht nur Badespaß und Sonnenfreuden, sondern ging als "Europas große Dürre" in die Annalen ein. Auf den Feldern vertrocknete das Getreide, vielerorts brannten die Wälder, das Vieh musste notgeschlachtet werden, weil man es nicht tränken konnte, auf den Autobahnen sorgten aufgeplatzte Betonplatten für lange Staus, und selbst die Bahn musste aufgrund von "Gleisverdrückungen", so der offizielle Begriff, der Hitze Tribut zollen. In der Schweiz, die wie Frankreich besonders schwer betroffen war, hatten die Behörden sogar den Notstand ausgerufen. Das Militär war im Einsatz, um die vertrockneten Felder zu bewässern und von der Ernte zu retten, was noch zu retten war.

Auch die Familie Sutter in der französischen Schweiz gerät in jenem Sommer in existenzielle Not. Der Vater hat erst kurz zuvor mit großem finanziellen Einsatz aus dem kleinen Landwirtschaftsbetrieb eine Geflügelzucht mit Tausenden von Hühnern gemacht. Nun sammelt er jeden Tag zusammen mit seinem Sohn Auguste, genannt Gus, und dem behinderten Helfer Rudy die toten Tiere in der Hühnerhalle ein, die der Hitze zum Opfer gefallen sind. An ein Mästen ist nicht zu denken, und das heißt: diese Hühner wird niemand kaufen wollen, der geschäftliche Verlust wird enorm sein. Doch nicht nur der Hof gerät ins Trudeln, auch das Leben der Sutters ist nach diesem Sommer nicht mehr dasselbe wie davor.

"Wie mir erklären, dass uns im Lauf dieses Sommers unser Leben entglitt und die Welt meiner Kindheit zu Ende ging?" Rückblickend erzählt Gus Sutter die Geschichte, die er damals, 1976, mit dreizehn Jahren erlebt hat. Sie handelt nicht nur von der Hitzekatastrophe, sondern auch davon, dass seine Mutter sich in eine andere Frau verliebt und die Familie verlässt; dass der treue, aber geistig behinderte Rudy ums Leben kommt, als er die Hühner vor dem sintflutartigen Regen retten will, der die Dürre beendet; und dass Gus selbst in der flirrenden Glut seine Unschuld an die kleine Mado verliert. Und sie handelt von den Tieren, mit denen Gus und die anderen ganz selbstverständlich Umgang haben: vom Hund Sheriff, der ob der Hitze regelmäßig bewusstlos zusammenklappt und mit Wasser aus der Gießkanne wieder zum Leben erweckt wird; von der alten Stute Bagatelle, die sich davonmacht und auf der Wiese einen Platz zum Sterben sucht; und von der Taube, die ihr Bürzel an eine Katze verliert, und fortan, flugunfähig, treu auf Gus‘ Schulter sitzt.

Roland Buti, der 1964 in Lausanne geboren wurde und dort als Gymnasiallehrer arbeitet, gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren der französischen Schweiz. "Das Flirren am Horizont" ist bereits sein dritter Roman, aber der erste, der auch auf Deutsch erscheint (und von Marlies Ruß ganz vorzüglich übersetzt wurde). Völlig zu Recht bekam er dafür in diesem Jahr einen der Schweizer Literaturpreise. Denn Buti gelingt es auf großartige Weise, fast beiläufig, ohne aufdringliche Symbolik, allein kraft der subtilen Beschreibung das Ende einer Welt zu schildern, nämlich der kleinbäuerlichen Welt, in der alle Kreaturen gleichberechtigt auf dem Hof zusammenleben und der Bauer seinen Tieren mit Respekt begegnet. Noch glaubt Gus, "die Welt wäre ein geschlossenes Ganzes", ein "vibrierendes harmonisches Ganzes", doch mit einer Mischung aus Verwunderung und Schmerz muss er erkennen: "Es ist zu viel Abstand zwischen den Dingen", vereinzelt stehen sie nebeneinander, und alle Lebewesen sind "hoffnungslos verloren auf dieser nackten Erde".

Die Coming-of-Age-Geschichte, die Buti hier als "Intermezzo dieses Sommers 1976" erzählt, besticht vor allem dadurch, dass sich das titelgebende Flirren des Horizonts fast schwerelos in die Sprache dieses Romans übersetzt. Butis eindrucksvolle Landschaftsbeschreibungen, seine ungeheuer präzisen Schilderungen dessen, wie die Menschen mit den Tieren umgehen, und seine Kunst, mit wenigen Worten ganze Gefühlswelten erstehen zu lassen, machen dieses Buch zu einem lange nachklingenden Leseerlebnis.

Roland Buti: Das Flirren am Horizont. Roman. Übersetzt von Marlies Ruß. Nagel & Kimche, Zürich 2014, 186 Seiten, 19,50 Euro.