Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges brachen in Europa keineswegs friedliche Zeiten an. In vielen Ländern waren die Menschen von seinen Schrecken zwar traumatisiert, aber noch längst nicht bereit, auf Gewalt zu verzichten, wenn es um ideologische und ethnische Konflikte ging. Bürgerkriege wüteten, und Übergriffe gegen nationale Minderheiten (vor allem Juden) nahmen überhand. Somit setzte sich das Blutvergießen vielerorts auch nach 1918 fort - bis zum nächsten, noch schlimmeren Weltkrieg. Genau diese Zeitspanne, die Jahre bis 1938, nimmt der deutsche Historiker Philipp Blom in seinem neuen Buch "Die zerrissenen Jahre" unter die Lupe.

Die Welt von damals war jedenfalls tief gespalten und zerrüttet. Linke und Rechte bekämpften einander, Konservative und Modernisten sowie Arbeiter und Unternehmer. Es war aber auch - zumindest in den 1920er Jahren - eine Ära des exzessiven Hedonismus und eine Zeit, die in sozialer, kultureller und technologischer Hinsicht revolutionär Neues hervorbrachte.

Historien-Panorama

Blom handelt jedes einzelne Jahr in einem eigenen Kapitel ab, wobei er jeweils auf bestimmte Themen oder Ereignisse eingeht. Wie bei einem Mosaik setzt er viele "Steinchen" zusammen, um das Bild der Zwischenkriegszeit möglichst weit zu fassen. Das Buch spannt den Bogen vom Elend versehrter Kriegsveteranen bis zum Aufstieg des Faschismus, vom Alkoholverbot in den USA bis zum Matrosenaufstand in Kronstadt, von den Dadaisten bis zum Justizpalastbrand in Wien, von Roboter-Fantasien und dem deutschen Science-Fiction-Film "Metropolis" bis zur Entdeckung ferner Galaxien, von der Weltwirtschaftskrise bis zum Spanischen Bürgerkrieg und von den Bücherverbrennungen der Nazis bis zu den Moskauer Schauprozessen.

Der Autor reportiert dabei zwar größtenteils Bekanntes. Sein Buch besticht aber durch einen überaus lebendigen und erfrischenden Erzählstil. Immer wieder streut Blom in sein vielschichtiges Historien-Panorama auch Kurzbiographien von Menschen ein, deren Lebensgeschichte damalige Geschehnisse illustrieren soll. Zum Beispiel, wenn er vom beginnenden Wandel zwischen Schwarz und Weiß erzählt - indem er Mamie Smith erwähnt, die als erste schwarze Sängerin 1920 eine auch bei Weißen gefeierte Schallplatte herausbrachte. Bloms Hang zum Anekdotischen geht allerdings auf Kosten eines analytischen Tiefgangs, der zum Teil fehlt. So unter anderem bei Themen wie Weimarer Republik und Nationalsozialismus. Da wird lediglich an der Oberfläche gekratzt.

Moderne entstand vor 1914

Mit seinem neuen Buch schließt der in Wien lebende Schriftsteller an seinen vor fünf Jahren erschienenen Bestseller "Der taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914" an, wobei er das geschichtliche Spektrum diesmal um die USA erweitert. Die zentrale These beider Publikationen lautet: Das moderne Europa ist nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, sondern bereits davor.

So war etwa die Konsumgesellschaft schon in den Jahren vor 1914 neben einer effizienten Industrieproduktion zur Realität geworden. Außerdem gab es bereits große Sportveranstaltungen, Autorennen, das Kino, den Starkult sowie Debatten über Frauenemanzipation, aber auch Röntgenapparate, die Psychoanalyse und den Bruch mit Traditionen in bildender Kunst, Musik und Literatur. Laut Blom waren die Fundamente für all das, was im 20. Jahrhundert wichtig werden sollte, demnach schon damals gelegt.

Sachbuch

Die zerrissenen

Jahre: 1918-1938

Philipp Blom

Carl Hanser Verlag,

576 Seiten, 28,70 Euro