Nach West-Berlin "entführt": Dafür hat Mirco am 10. November 1989 eigentlich gar keine Zeit. - © Repordukt
Nach West-Berlin "entführt": Dafür hat Mirco am 10. November 1989 eigentlich gar keine Zeit. - © Repordukt

Morgendämmerung, ein Kinderzimmer: Die Bildkästchen zeigen Ausschnitte mit Spielsachen, Schreibtischutensilien made in GDR, ein Stoffhase liegt neben einem Polster, da schläft noch jemand... Durch den Türspalt lugt ein Kindergesicht. Schnitt. Auf der nächsten Seite drückt eine Kinderhand auf einen Schalter und plötzlich ist das ganze Zimmer in Licht getaucht, alles Dämmerlicht weggewischt: "Mürgo! Aufstehen!" Es ist die kleinere Schwester! "Hau ab!" Dass diese filmische Eingangsszene eine subtil angelegte Metapher für das Ende der DDR darstellt, geht dem Leser erst nach der Lektüre von Mawils Comic "Kinderland" (Reprodukt) auf. Zuerst bleibt der Fokus auf Mirco gerichtet, für den das Ende der DDR zufällig mit dem Ende der eigenen Kindheit zusammenfällt. Wir befinden uns in Ostberlin, im Herbst 1989.

"Der Watzke kann nur mit Büchers!" Während ihn zu Hause seine kleine Schwester nervt, hat Mirco, der Siebtklässler, in der Schule ein Imageproblem: Dem Etikett "Streber-Watzke" im Klassenraum eilen die Zuschreibungen Schisser, Heulsuse oder Petze im Pausenhof hinterher. Sich mit dieser Rolle abzufinden, ist Mirco allerdings nicht bereit.

Amen, ähm, immer bereit!

Ausgerechnet und ironischerweise ist es ein Buch, das ihm einen Ausweg aus seinem Unbehagen bahnt: Wer keinen Tischtennisschläger hat, der benutzt nämlich ein Buch als "Kelle", wie es im Jargon lautet. Und wie zufällig entdeckt Mirco dabei, dass er im Pingpong-Spiel etwas zu bieten hat. Dass er dabei auch den FDJlern, das sind die Größeren, was entgegenzuhalten hat, lässt ihn schließlich Anerkennung unter den Gleichaltrigen ernten und sozial Fuß fassen. Zum anderen ist da Thorsten, der Neue von der Parallelklasse, als Nichtpionier unter lauter Pionieren und FDJlern ein Fremdkörper. Sein Vater ist abgehauen, seine Mutter hat ein Alkoholproblem. Doch Mirco merkt, dass er ganz o.k. ist. Also macht Mirco seinen neuen Kumpel fit fürs Tischtennisspiel.

Der Zeichner Mawil, selbst gebürtiger Ostberliner, Jahrgang 1976, hat Sinn für Feinheiten. Es ist insbesondere die filmische Art der Montage von Szenen, die es ihm erlaubt, Vielschichtiges und Widersprüchliches mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit einzufangen. Etwa wie Mirco zwischen Pionierdasein, Schulalltag, Klavierstunden, dem Religionsunterricht und dem Ministrantendienst hin- und herjongliert und dann sich mal verhaspelt, wenn die Pionierleiterin zum Appell ruft: "Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!" - "Amen. Ähm. Immer bereit."