"Wie im Wald" heißt der Erstlingsroman von Elisabeth Klar, und ebenso verhält es sich auch bei der Lektüre des selbigen: Düster erscheint die Vergangenheit, erst nach und nach erhellt sich, was sich in dieser Familie tatsächlich zugetragen hat.

Eine Familie, in die man durch Rückblicke der mittlerweile erwachsenen Frauen Einblick erhält: Karin, Übersetzerin, und Lisa, ihre Pflegeschwester, die an einer schweren Persönlichkeitsstörung leidet. Lisa ist als Pflegekind in Karins Familie gekommen; die zwei waren ein Herz und eine Seele, bis Lisa von einem Tag auf den anderen verschwand. Eng damit verknüpft ist die Geschichte mit dem Vater, über die sich nur so schwer sprechen lässt . . .

Unausgesprochenes gibt es auch Jahre später noch. Karin lebt inzwischen mit ihrem Freund Alexander im Haus ihrer Eltern und entscheidet sich, Lisa wieder aus dem Pflegeheim zu holen und sich um sie zu kümmern. Da die Frauen aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen, begreift man rasch, dass ihre Beziehung alles andere als einfach ist. Beide fühlen sich schuldig, wodurch eine komplexe psycho-soziale Situation entsteht.

Erst Schritt für Schritt wird die Vergangenheit aufgerollt, die Erinnerung kommt langsam und unweigerlich zurück. In Traumsequenzen erfährt man Andeutungen, wie etwa in jenem Traum Karins, in dem sie ihren Vater tötet, um Lisa zu retten. Doch wovor sie ihre Schwester retten muss, das bleibt vorerst noch offen.

Ein Puppenspieler zieht sich als Leitmotiv durch die Handlung. In ihrer Kindheit war es August, der den Schwestern mit selbst geschnitzten Puppen Theaterstücke vorspielte. Der dem Puppenspiel inhärente "Akt der Beseelung", der den kindlichen Protagonistinnen noch Freude bereitete, wurde im Laufe der Zeit jedoch in sein Gegenteil verkehrt: Denn es ist Lisa selbst, die zu Augusts "lebloser Puppe" wurde, und dadurch einem "Akt der Entseelung" unterliegen musste.

Der Erzählstil ist beeindruckend: Elisabeth Klar lässt Traum und Realität einander überlagern, als wäre es das Leichteste der Welt. Gegenwart und Vergangenheit werden abwechselnd erzählt und vermischt. Meisterhaft schafft die Autorin auf diese Weise eine beklemmende Stimmung, die sich in der zweiten Hälfte enorm spannend zuspitzt.

Elisabeth Klar hat in diesem Erstlingswerk eine Geschichte über Sehnsucht und Schuld geschrieben, wobei nicht eindeutig ist, wer Täter und wer Opfer ist - und genau das macht den Roman so interessant.

Jede der Figuren hat Schuld auf sich geladen: August, der jedoch selbst an seiner Tat zugrunde geht. Lisa, die sich am schuldigsten fühlt, aber die geringste Schuld trägt. Karin hingegen, die sich von jeder Schuld freigesprochen glaubt - kann man doch als Kind keine Schuld auf sich laden. Oder etwa schon?

Es sind Fragen wie diese, die den Leser beschäftigen. Fragen, die auch über das Ende des Romans hinauswirken. Ein Prachtstück eines Psychodramas.

Elisabeth Klar: Wie im Wald. Roman. Residenz Verlag 2014, 272 Seiten, 22,90 Euro.