Anfang der 1950er Jahre schrieb Max Brod im Rückblick auf einen Ferienaufenthalt von 1899 den lesenswerten Roman "Der Sommer, den man zurückwünscht". Man beachte die Formulierung, in der kein rückbezügliches "sich" vorkommt. Aber Brod schrieb eben ein eigenes Deutsch, in dem seine Prager Prägung erkennbar wurde. Gemeinsam mit dem Jugendroman "Fast ein Vorzugsschüler" ist die altösterreichisch-jüdische Familiensaga soeben in einer vom Wallstein Verlag neu besorgten, schön gebundenen und recht ausführlich (mit Vorwort, Nachwort und kurzen biografischen Anmerkungen) dokumentierten Ausgabe erschienen. Allmählich schließt sich damit der Kreis wichtiger Neu-Editionen vergessen geglaubter Brodscher Prosawerke.

Der Ferienort Misdroy liegt auf der (heute) polnischen Ostseeinsel Wollin, unweit der deutschen Grenze. Zufällig spielt auch Lutz Seilers heuer mit dem Deutschen Buchpreis prämierter Roman "Kruso" auf einer Ostseeinsel nahe von Max Brods Jugend-Ferienort. Damals, vor 115 Jahren, gehörte Wollin zum Deutschen Reich, sodass die Brods lediglich die österreichisch-deutsche Grenze bei Bodenbach überqueren mussten. Brod lässt zahlreiche Spitzen gegen Deutschland in die Schilderung einfließen: Die hölzernen Stiegenhäuser in Berlin können, so der junge "Erwin" (das ist recte Max; Bruder Otto kommt mit seinem richtigen Namen vor), mit den alten Prager Steinstufen nicht mithalten. Die Töchter einer deutschen Bekannten sind elendslangweilig, während die "Speyer"-Kinder aus Prag (die Familie hieß eigentlich "Trier") für beste Unterhaltung sorgen. Nicht einmal die roten Postkästen, zackigen Schaffner und deutschsprachigen Kutscher (in Prag fluchen diese nur auf Tschechisch!) können dem jungen Brod gefallen, der sich hier als k.u.k. Romantiker entpuppt.

Dennoch fand der junge Erwin/ Max in Misdroy Erfüllung. Der Kurort galt zwar als wenig mondän, dafür waren Kost und Logis preisgünstiger als in den berühmten dänischen Seebädern. Da Max Brod an einer Kyphose (Buckel) litt und zeitweise ein Stahlkorsett tragen musste, hatte ein befreundeter Arzt den Aufenthalt an der Ostsee empfohlen. Die fünfköpfige Familie (Vater Adolf, Mutter Valerie, Bruder Otto, Max und die kleine Schwester Sophie) verbrachten so die schönsten Tage des Jahres samt Kindermädchen Zdenka in einer angemieteten Ferienwohnung.

Die Brods waren (entgegen der Kurzbiografie im Buch) nicht wohlhabend. Man lebte zwar, wie es schien, in Prag recht nobel in der Goldenen Gasse, wo Maxens Großvater einst dank einem Lotteriegewinn zwei Stockwerke erwerben konnte. Aber reich waren die Brods nicht, dafür liefert auch der Schlüssel-Roman hinreichend Belege: Brods Vater konnte erst viel später seinen Urlaub antreten und musste neben seiner Tätigkeit in der Unionbank noch für einen Unternehmer abends den Buchhalter machen. Er trug zwar den Titel eines "Procuristen" und "Vicedirectors", das Gehalt war aber recht bescheiden für eine fünfköpfige Familie samt Dienstmädchen.

Vielleicht wollte seine Frau Geld sparen, indem sie die Angestellte nach spätestens zwei Wochen hinauswarf. Dem Ruf der resoluten, anti-intellektuellen Mutter war das jedenfalls nicht zuträglich: Unduldsame Dienstgeber sprachen sich in Prag herum, die Agenturen weigerten sich bald, Nachschub zu liefern. Zudem brachte sie den 14-jährigen Sohn mit ihren Ausfällen in die peinlichsten Situationen. Ergriff er Partei für die Mädchen, schrie sie ihn zwecks Demütigung unter Verwendung des Namens "Arthur" an - Schnitzler hätte sich, dies wissend, höflich bedankt.

Vier Jahrzehnte nach jenem erinnerungswürdigen Sommer musste der in der tschechoslowakischen Republik hoch angesehene Autor Max Brod nach Tel Aviv emigrieren, als Hitler sich nach dem Sudetenland und der Repu-blik Österreich auch den Rest Böhmens und Mährens einverleibte und die beiden Regionen euphemistisch "Generalgouvernement" nannte. Und was noch viel schlimmer wog: Der geliebte Bruder Otto/Ota wurde nach 1941 in einem NS-Vernichtungslager umgebracht. Dasselbe Schicksal ereilte auch alle drei Schwestern seines schon 1924 verstorbenen Freundes Franz Kafka.

Brod konnte diesen Verlust nie verwinden, dachte aber noch als gereifter Mann sehnsüchtig an seine Jugendzeit mitten im friedlichen, "wattierten" Alt-Österreich zurück. Wie der Schulroman "Fast ein Vorzugsschüler" gibt auch Brods Sommer-Reminiszenz reichlich Aufschluss über die Gebräuche der Donaumonarchie und ihre Mentalitäts-Disparitäten zum preußischen Nachbarn. Wer also Joseph Roth und Friedrich Torberg schätzt, wird auch bei diesem Roman-Duo Lesefreude erleben.