Per Petterson ist bekannt fürseine eindringliche, poetisch- rhythmische Prosa, mit der er die großen Lebensthemen seiner Protagonisten einkreist. Seite um Seite verheddern die Romanfiguren sich in dem unsichtbaren Netz, das ihnen ihr Schicksal auslegt, und das Dasein stellt ihnen Fragen, an deren Beantwortung sie mitunter ein Leben lang arbeiten.

In seinem nun in deutscher Übersetzung erschienenen Roman "Nicht mit mir" widmet Petterson sich abermals der Erkundung und Analyse männlicher Lebenswelten und Seelenlagen. Er erzählt von Tommy und Jim, die als Jugendliche fast unzertrennliche Freunde waren, bis das Leben sie einander entfremdete und auseinanderriss. Nach Jahrzehnten treffen sie sich zufällig auf einer Autobrücke wieder. Aus Tommy, der als Vierzehnjähriger seinem prügelnden Stiefvater mit einem Baseballschläger Paroli bot, um seine Schwester Siri und die Zwillinge zu beschützen - "Ich hob das Schlagholz über die Schulter, dass es mein Ohr berührte, und ich zielte mit der mir verbleibenden Kraft in einem zischenden Schlag auf sein Schienbein, sein rechtes Bein, sein Schussbein, und traf es mit einem Geräusch, an das ich mich heute noch erinnere." -, aus diesem Tommy ist ein gut situierter Investment-Banker geworden.

Jim hingegen, ein Bibliothekar, der recht behütet bei seiner frommen Mutter aufwuchs, ist schon über ein Jahr lang wegen psychischer Probleme nicht mehr zur Arbeit gegangen und vertreibt sich die Tage stattdessen beim Angeln. Das Wiedersehen der alten Freunde ruft viele Erinnerungen wach.

Wie kaum ein zeitgenössischer Autor beschreibt Per Petterson die männliche Psyche mit großer Aufrichtigkeit und einfühlsamer Genauigkeit und entwickelt Schritt für Schritt (s)eine unverwechselbare Magie. In einem stimmigen Wechsel aus Erinnerungen und aktuellen Szenen erzählt er die Lebensgeschichten von Tommy und Jim, von ihrer Freundschaft, ihren Lebenslügen, ihrer Wut, Trauer und ihrem Lebenshunger. Er tut dies in einem unverwechselbaren Tonfall, den Ina Kronenberger, kongeniale Übersetzerin aller ins Deutsche übertragenen Petterson-Romane, sehr gut trifft. Und über den Literaturkritiker James Wood 2012 im "New Yorker" schrieb: "His sentences yearn to fly away into poetry; it is rare to find prose at once so exact and so vague."