Botho Strauß. - © Ruth Walz
Botho Strauß. - © Ruth Walz

Botho Strauß, dieser hinkende Vergleich sei erlaubt, ist so etwas wie der Peter Handke von Deutschland: randständig und von zentraler Bedeutung zugleich, literarisch ein ganz Großer, im Literaturbetrieb allerdings ein weitgehend geächteter Einzelgänger. Die Abneigung ist freilich gegenseitig: Strauß verzichtet seit Jahrzehnten auf Interviews und lässt sich allenfalls selten besuchen. Seit Jahrzehnten lebt er schon in der Uckermark, einem landschaftlich reizvollen Landstrich in der ehemaligen DDR. Als er in den 90er Jahren dort hinzog, um dem eitlen Getriebe in Berlin zu entkommen, war die Gegend noch gottverlassen. Heute fahren dort am Wochenende fast nur Autos mit Berliner Kennzeichen herum. Selbst der Betreiber des Berliner Techno-Tempels "Tresor" hat mittlerweile ein Anwesen dort und organisiert allsommerlich ein Festival elektronischer Musik.

Dem anti-urbanen, zivilisationskritischen Strauß dürften solche Entwicklungen kaum gefallen. Weniger Elfenbeinturm denn Rückzugsgebiet ist ihm das provinzielle Hinterland, oder wie es in seinem Essayband "Lichter des Toren" heißt: "Man kann in die Einsamkeit nur gehen als in eine unerhörte Offensive." Das Buch ist weniger ein Traktat, sondern vielmehr eine Sammlung von aphoristischen Notizen, die darum kreisen, wie man heute als Nonkonformist in einer Welt zunehmender Verdummung geistig überleben kann.

So nimmt sich Strauß die Freiheit heraus, jenseits von politischer Korrektheit zu reden, wenn er den Begriff "Idiot" benützt, um über den uckermärckischen Dorf-deppen wie den großstädtischen "Info-Idioten" zu reden, der beispielsweise "unter mimetischer Verwendung von Begriffen, die er niemals erklären könnte, Neuig-keiten aus der Wissenschaft" verkündet. Man muss die konservativen, teils ultra-konservativen Positionen von Strauß nicht teilen - das Problem intellektueller Regression betrifft jeden denkenden Menschen und man kann nur Neues lernen, wenn man auch einmal die Perspektive wechselt.

In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen, dass sich etwas tut in Sachen Strauß. Das Klischee des zu verfemenden Reaktionärs bröckelt. Ob dies etwas damit zu tun hat, dass der Autor rund um seinen 70. Geburtstag (2. Dezember) womöglich in eine eher versöhnlich gestimmte Spätwerkphase eintritt, sei dahingestellt. Bereits letztes Jahr erschien - ausgerechnet zusammengestellt vom Unterhaltungsautor und Popmusiker Heinz Strunk - eine Anthologie mit Texten von Strauß. Strunk bekennt sich darin als langjähriger Fan und sucht erklärtermaßen neue Strauß-Adepten anzuwerben. Heuer wiederum kam, begleitend zur neuen Erzählung "Herkunft", beim Hanser Verlag unter dem Titel "Allein mit allen: Gedankenbuch" eine weitere Werkanthologie heraus, die ebenso darauf ausgerichtet ist, den Autor ein wenig Mainstream-kompatibler zu machen. (Allerdings enthält der Band auch den Skandaltext "Anschwellender Bocksgesang", 1993, von dessen provokativer Stoßrichtung nicht wenige sich tatsächlich provozieren anstatt zum Nachdenken anregen ließen.)

Die wunderbare autobiografische Erzählung "Herkunft" eröffnet erstmals einen Blick in die Kindheit des Autors. Strauß berichtet über persönliche Prägungen, seine kulturelle Sozialisation und über die Neigung zum Theater. Erzählt wird dabei vor allem über die zwischen Zuneigung, Unbehagen und Gegnerschaft changierende Beziehung zum Vater, der eine eigentümliche Portalfigur für den jungen Botho war. Spricht er vom Vater, redet Strauß zumeist uns Leser, manchmal auch den 1990 Verstorbenen direkt an. Oder er führt ein öffentliches Selbstgespräch, das viel Platz lässt für Zweifel darüber, ob er nicht ungerecht gegenüber dem verbitterten Mann war, der im Ersten Weltkrieg verletzt wurde und nach der Flucht aus der DDR mit über sechzig im Westen nochmal neu anfangen musste. Sein Sohn wollte es, wie viele seiner Generation, besser machen als die Väter. Das hat Botho Strauß geschafft: Gegen den gesellschaftlichen Mainstream zu schwimmen ist nicht die schlechteste aller Handlungsweisen.