Nunmehr ist also der dritte Band von Reiner Stachs Kafka-Biografie erschienen, der den frühen Jahren Kafkas gewidmet ist. Der Band deckt neben der Schulzeit (1883-1901) in der Altstädter Volksschule und im Staats-Gymnasium die Phase des Jus-Studiums (bis 1906) und der juristischen Tätigkeit Kafkas als Rechtspraktikant und Kurzzeit-Konzipient sowie seine Berufsjahre in der Generali-Versicherung und in der Arbeiter-Unfallversicherung-Anstalt für das Königreich Böhmen (ab 1908) ab.


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Pro: Romanfigur des eigenen Lebens
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Während Max Brod und Franz Werfel eine andere Schule besuchten, war Kafka Klassenkollege von Felix Weltsch (böhmisch-jüdischer Schriftsteller/Philosoph, Anm.). Und so lernte Kafka seinen Freund und postumen Herausgeber Brod erst beim Studium kennen - und zwar in der Lesehalle, einer gemäßigt deutschnational-liberalen Institution im Umfeld der Ferdinand-Karl-Universität. Brod amtierte später als Jurist bei der Post (laut Kafka ein "Amt ohne Ehrgeiz"), Kafka wurde beim Sozialversicherungsträger AUVA heimisch, der sich juristisch zwischen den Stühlen befand.

Seit jeher hat dieses Faktum bei Kafka-Biografen (u.a. Alt, Anz, Friedlaender, Politzer, Stach, Wagenbach) zu Verständnisproblemen geführt. Kafka konnte weder behördlich entscheiden - hiefür zuständig waren die Gewerbebehörde bei der Bezirkshauptmannschaft, das Ministerium des Inneren und der k.k. VwGH in Wien -, noch war seine Tätigkeit rein theoretischer Natur. Er saß, was Stach unrichtig schildert, den Opfern der Arbeitsunfälle nicht gegenüber, sondern nur aufgebrachten Unternehmern, die so wie sein eigener Vater über Art der Tätigkeiten und die Beitragshöhe zur AUVA stritten.

Kafkas soziales Engagement war endenwollend, nolens volens musste er die Angestellten seines eigenen Betriebs dem gefährlichen Werkstoff Asbest aussetzen, eher er als Kommanditist aus der insolventen Firma seines Schwagers ausschied. Auf Druck des dominanten Vaters musste er an der vorsätzlich unrichtigen sozialversicherungsrechtlichen Einstufung eines Angestellten der Galanteriewaren-Firma im Familienbesitz mitwirken. Kafkas theoretische Beiträge zur Unfallverhütung erfolgten im Auftrag seiner Vorgesetzten, wobei er mit größtem Widerwillen an einem Kongress im Wiener Parlament (Reichsrat) teilnahm. Entspannung fand er hingegen im Prater, auf Grillparzers Spuren im Matschakerhof oder bei einem Kurzbesuch einer zionistischen Veranstaltung.