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Franz Kafka in der Prager Altstadt, um 1920. - © dpa/dpaweb/CTK
Franz Kafka in der Prager Altstadt, um 1920. - © dpa/dpaweb/CTK

Habent sua fata libelli. Dieser alte Bildungsbürgerspruch ("Bücher haben ihre Schicksale") passt nicht nur hervorragend zum Werk von Franz Kafka, dessen unpublizierte Manuskripte vom Dichter selbst fürs Feuer bestimmt waren, glücklicherweise dennoch auf uns, die darüber erfreute Nachwelt, kamen, sondern ebenso zu der - benutzen wir das Wort hier ruhig - monumentalen Biografie des Prager Autors von Reiner Stach. Ein Jahrhundertleben, das eine Jahrhundertbiografie verdient hat, und sie nun auch bekommt.

Achtzehn Jahre hat Stach an der Lebensbeschreibung gearbeitet, deren dritter und abschließender Band heuer erschienen ist. Insofern ist das Biografie-Projekt auch so etwas wie sein Lebenswerk. Den Anfang machte, 2002, "Kafka. Die Jahre der Entscheidungen", in denen der vergleichsweise enge Zeitrahmen von 1910 bis 1915 auf 670 Seiten detailliert abgehandelt wurde. Schon damals überzeugte, wie Stach neben der Ausbreitung vieler neuer biografischer Fakten durch seine empathische Nähe zum Schriftsteller dessen Biografie zum Leben zu erwecken verstand. Kafka wird gleichsam zur Romanfigur seines eigenen Lebens. Das fanden einige Kritiker zunächst anstößig - doch spätestens jetzt hat Stach gezeigt, dass sein ambitiöser Ansatz richtig war.

Sechs Jahre später, 2008 also, folgte mit "Kafka. Die Jahre der Erkenntnis" der zweite Streich, in dem Stach die Jahre ab 1915 bis zum qualvollen Tod 1924 auf rund 730 Seiten in den Fokus stellte. Daher umfasst der letzte Teil, "Kafka. Die frühen Jahre". nunmehr die Zeit von 1883 bis 1910, arbeitet also auf knapp 600 Seiten die Kindheit und Jugendjahre des Schriftstellers auf.

Dass der Anfang am Ende steht, hat nun nichts mit der biografischen Binsenweisheit zu tun, dass die ersten Jahre lebenslang prägend sind. Nein, der Grund ist eher pragmatisch: Schon als Stach vor mehr als anderthalb Jahrzehnten seine Arbeit begann, war klar, dass der damals noch unzugängliche Nachlass von Max Brod ganz entscheidende Informationen enthalten würde. Das Tragische nun ist: Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die absurden juristischen Streitigkeiten um die Besitzrechtsansprüche, die in den letzten Monaten wieder einen Höhepunkt erreichten, sind ja öffentlich bekannt geworden.

Hier sollte uns lieber interessieren, was Stach selbst unter diesen widrigen Umständen gelang. Die frühen Jahre also. Es sind die Jahre Kafkas, die insbesondere von Angst geprägt sind. Ängste der unterschiedlichsten Art beherrschen den jungen Franz: Schulängste, weil er unter dem Erfolgsdruck der Eltern steht; Existenzängste, weil die Sorgen des Vaters um seine wirtschaftliche Lage sich auf den Sohn übertragen; Versagensängste, nämlich als Hochstapler entlarvt zu werden. Doch wie Stach erläutert, wird die Verunsicherung, die Kafkas Leben bestimmt, zur Inspirationsquelle.

"Kafka. Die frühen Jahre" erweist sich als eine bestechende Leistung, die faktischen Erkenntnisse in eine fesselnde biografische Erzählung zu übersetzen, welche uns nicht nur den Menschen, sondern ebenso sein kulturelles wie historisches Umfeld begreifen lässt.

Das betrifft nicht nur die schon viel erforschte minoritäre Lage der Prager Juden samt dem Antisemitismus zu dieser Zeit, sondern auch Aspekte wie den Einfluss, den die Technik auf das Empfinden Kafkas hatte, lebte er doch in einer Zeit immenser technologischer Innovation - Autos, Flugzeuge, Telefone, Film oder Röntgenstrahlen waren allesamt revolutionäre Neuerungen, die nicht ohne Folgen für sein Denken und Schreiben blieben.

All das und noch viel mehr also bietet Reiner Stach im letzten und zugleich ersten Band seiner knapp 2000 Seiten langen Trilogie über das kurze Leben des bedeutendsten Schriftstellers deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Selbst wenn Stach auch nicht das eigentliche Enigma erklären kann - wie nämlich der Literatur ein solcher Autor wie Kafka passieren konnte -. so bringt er ihn uns dennoch so nahe, wie man nie zu erleben erhofft hatte.

Uwe Schütteist Dozent für Deutsche Literatur an der Aston University in Birmingham. Zuletzt ist von ihm erschienen: "Interventionen. Literaturkritik als Widerspruch bei W.G. Sebald" (edtion text + kritik, München 2014)