(leg) Am Ende des Kalten Krieges stand ein Händedruck. Auf einem Kriegsschiff in Malta saßen sich am 3. Dezember 1989 der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow und US-Präsident George Bush gegenüber. Gorbatschow rief die USA zur Kooperation auf. Man solle im anderen nicht mehr den Feind sehen. "Da stand Bush auf und reichte Gorbatschow die Hand über den Tisch hinweg. Der Moment war bewegend", kommentiert Gorbatschow-Berater Anatoli Tschernjajew jene Szene, die den Kalten Krieg zwischen USA und UdSSR beendete.

Sein Bericht über das Treffen in Malta findet sich ebenso wie 98 weitere Dokumente in dem Buch "Der Kreml und die Wende 1989". Ein Historikerteam des Grazer Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung unter der Leitung von Stefan Karner hat die Schriftstücke in russischen Archiven erstmals eingesehen. Sie ermöglichen einen anderen, veränderten Blick auf das "annus mirabilis" 1989 - den der sowjetischen Führung: Wie sah man im Kreml den Zusammenbruch der Satellitenstaaten, den schrittweisen Machtwechsel in Polen und Ungarn, den Fall der Berliner Mauer, die samtene Revolution in Prag, das Ende des rumänischen KP-Diktators Nicolae Ceausescu?

Dabei wird deutlich, dass das Nicht-Eingreifen auch wirtschaftliche Gründe hatte. Die Ostblockstaaten waren pleite, der Kreml konnte und wollte nicht mehr Finanzhilfe leisten. Die Fundstücke erzählen auch von der Schwierigkeit Gorbatschows, der sowjetischen Militärführung sein "Neues Denken" schmackhaft zu machen, das auf die Respektierung der Souveränität der einzelnen Staaten setzte. Ein packendes Buch.