Mit Veröffentlichungen aus dem Nachlass eines Schriftstellers ist das so eine Sache. Abgesehen von der Frage, ob der Betreffende überhaupt gewollt hätte, dass diese Texte das Licht der Öffentlichkeit erblicken, besteht natürlich die Gefahr, dass hier - gleichsam geadelt durch den Tod des Verfassers - Unfertiges, Verworfenes oder qualitativ Fragwürdiges publiziert wird, das zu Lebzeiten niemals erschienen wäre.

Andererseits kennen wir natürlich die Fälle, in denen der Nachwelt Meisterwerke vorenthalten geblieben wären, wenn nicht jemand den Mut gehabt hätte, sich über den Letzten Willen des Autors hinwegzusetzen. Franz Kafka und sein Nachlassverwalter Max Brod sind dafür das wohl berühmteste Beispiel.

Auch Wolfgang Herrndorf, der im August vergangenen Jahres seinem Leben ein Ende setzte, wusste um diese Problematik. Und so verfügte er in seinem auf den 1. Juli 2013 datierten Testament: "Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben." Trotzdem arbeitete er in den Wochen danach weiter, obwohl der medizinische Befund keinerlei Hoffnung mehr ließ und er sich, was Ort und Art seines Freitods anging, schon längst entschieden hatte. Im Mittelpunkt stand dabei die Fertigstellung des Blogs, den er in den Jahren seiner Krebserkrankung geführt hatte und der schon wenige Monate nach seinem Tod unter dem Titel "Arbeit und Struktur" als Buch erschien.

Doch da war auch noch ein anderer Text: die Geschichte von Isa. Herrndorf wusste, dass er diesen Roman niemals würde vollenden können, aber der Isa-Stoff ließ ihn nicht los. Das hatte vermutlich vor allem damit zu tun, dass diese Isa bereits in Herrndorfs Erfolgsroman "Tschick" aufgetaucht war - zwar eher als Randfigur, aber doch als eine Art geistige Schwester der beiden Freunde Maik und Andrej. Im Juni 2011 schrieb er in seinem Blog: "Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht." Trotzdem schrieb er in den beiden Jahren, die ihm noch blieben, immer wieder an diesem Text. Und als ihm in den letzten Monaten vor dem Tod Freunde oder seine Frau Kapitel aus dem Isa-Roman vorlasen, fand er so viel Gefallen daran, dass er das "kaputte Material", wie er es nannte, trotz aller Vorbehalte veröffentlicht sehen wollte.

Und so lesen wir nun ein wenig unverhofft eine zweite Road Novel aus der Feder des Autors, dessen Spritztour zweier Jugendlicher in einem Lada Hunderttausende von Lesern begeistert hat. Der nachgelassene Roman aus Isas Sicht erzählt sozusagen die Vorgeschichte des Zusammentreffens auf der Müllkippe, das in "Tschick" kurzzeitig aus dem Duo ein Trio macht. Isa, die sich eher als Junge denn als Mädchen fühlt, bricht aus einem Heim aus und macht sich auf zu ihrer Schwester nach Prag. Unterwegs erlebt sie allerhand und trifft jede Menge skurrile Leute: etwa einen Binnenschiffer, der angeblich eine Bank ausgeraubt hat, einen LKW-Fahrer, der nicht verstehen kann, dass Isa seinen 18-Tonner nicht einmal kurz lenken möchte, einen taubstummen Jungen, der sich eigenartig gewählt ausdrückt, und eben die beiden Lada-Piloten, die auf dem Weg in die Walachei sind.

Das Gute an der Road Novel ist, dass der Weg das Gerüst liefert, und so reiht sich wie in einem Stationendrama eine Episode an die andere. Das "Unvollendete" dieses Romans zeigt sich in einigen logischen Unstimmigkeiten und in einer gewissen Unverbundenheit der einzelnen Kapitel. Ansonsten aber erklingt gleich mit dem ersten Satz dieser Herrndorf-Sound, der in "Tschick" seinen Höhepunkt erreicht hatte: "Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert."

Wie viel die beiden Herausgeber zu diesem Roman beigetragen haben, lässt sich nur erahnen: es dürfte einiges gewesen sein. Dankenswerterweise haben sie aus dem Material einen lesbaren Text gemacht und frönen keiner Authentizität des Fragmentarischen, die so manche Nachlassveröffentlichung zu einer eher spröden Lektüre macht.

"Bilder deiner großen Liebe" ist unvollendet, aber kein Torso, sondern ein wunderbares Stück Literatur mit dieser einmaligen Herrndorf’schen Mischung aus schnoddriger Leichtigkeit, irrsinniger Komik und melancholisch angehauchtem Tiefsinn. Und mit einem Umschlagbild, das vom Autor selbst stammt und lange Zeit schief und ungerahmt über seinem Schreibtisch hing. Darunter stand geschrieben: "Macht einem manchmal Angst: Die Natur". In seinem Fall war diese Angst nur zu berechtigt. Umso schöner, noch einmal, sozusagen aus dem Jenseits, seine Stimme zu hören.