Die Psychotherapeutin und Autorin Christl Lieben. - © Josef Polleross
Die Psychotherapeutin und Autorin Christl Lieben. - © Josef Polleross

Die häufigste Google-Anfrage der letzten Jahre war "Was ist Liebe?". Daran lässt sich zum einen ablesen, wie fundamental unsere Sehnsucht nach Geborgenheit ist, und zugleich, wie groß die Unsicherheit zu sein scheint, wenn es um Liebe geht, die möglicherweise komplexeste aller Gefühlsregungen.

In der Regel verbinden wir das Grundbedürfnis des Geliebtwerdens mit uns nahe stehenden Menschen wie Eltern, Partnern und Kindern. Fühlen wir uns geliebt und dürfen wir lieben, erfüllt uns dies mit "Sinn", einer modernen, menschlichen Sehnsucht nach Zusammenhängen.

Diese Stimmigkeit ist aber auch in einer unseren Lebenshorizont übersteigenden Dimension erlebbar - und mit dieser wohl tiefsten Form von Liebe, der göttlichen oder universalen Liebe, beschäftigt sich die Psychotherapeutin Christl Lieben in ihrem jüngsten Buch, "Die Liebe kommt aus dem Nichts".

Provokanter Begriff


Zwar lässt schon der Titel erahnen, dass es sich dabei kaum um eine Lektüre für Einsteiger handelt, aber zweifellos spannend und zugleich herausfordernd dürfte diese Beziehungskunde für Fortgeschrittene unter anderem für jene zahlreichen Menschen sein, die von Berufs wegen helfen: Ärzte, Therapeuten, Seelsorger, Erzieher, Lehrer.

Wer als professioneller Helfer Menschen begleitet, ist empathisch und fühlt mit, wenn es dem Anderen schlecht geht. Mitgefühl ist die entwickelte Form von Mitleid, erklärt Christl Lieben, und als solches zunächst selbstverständlich notwendig, um sich anschließend einen entscheidenden Schritt weiter in eine Haltung der "Liebe frei von Mitgefühlt" zu begeben.

Selbsterklärend ist dieser provozierende Begriff freilich nicht, und so wird die Therapeutin nicht müde zu betonen, dass es sich bei diesem Ansatz keineswegs um eine spirituelle Ausrede für Herzlosigkeit handle, sondern um eine distanziertere Form von Liebe, in der wir dem Anderen "mit weitem Herzen" begegnen und "mit der Gewissheit, dass er alles in sich trägt, um mit seinem Schicksal umgehen zu können".

Innere Heiterkeit


Erlebt man die Wienerin, die einstmals Goldschmiedin war (wie man in einem ausführlichen biografischen Abschnitt erfährt) im Umgang mit Klienten, scheint sie tatsächlich zunächst eine Mischung aus wohltuend nüchternem, überraschend kühlem und zugleich befreiend heiterem Auftreten in sich zu vereinen.

Diese innere Heiterkeit stellt sich Christl Lieben zufolge ein, wenn wir uns von kulturell geprägten Denkmustern lösen, wie die Autorin aus eigener Erfahrung bestätigen kann. So stehe hinter unserem Mitgefühl "entweder ein Aspekt unserer eigenen Geschichte, der uns berührt, oder der Wunsch, vom Leid Anderer nicht erreicht zu werden. Nach dem Motto: Ich will, dass es dir gut geht, damit es mir gut geht."

Was man über Bord werfen sollte, will man diesen in letzter Konsequenz radikalen Ansatz praktizieren, ist zum einen der Glaubenssatz, dass Liebe und Mitgefühl eng miteinander verbunden sind. Zum anderen aber, und das dürfte weit schwieriger sein, müssten wir dafür lernen, nicht zu urteilen. Doch dieses Bedürfnis steckt so tief in uns drinnen, dass wir zumeist gar nicht mehr wahrnehmen, in wie vielen Augenblicken des Alltags wir reflexhaft interpretieren.

Wem es gelingt, die Haltung der "Liebe frei von Mitgefühl" zu praktizieren, so ist Christl Lieben überzeugt, der findet Zugang zu einer Form der liebenden Heiterkeit und ist damit der "Liebe aus dem Nichts" bereits ziemlich nahe. In ausführlichen Gesprächen mit dem Autor und Journalisten Gerald Schmickl werden die Erfahrungen und Ansichten der Therapeutin in diesem - und manch anderem - Bereich vertieft.

Die kleinen oder auch großen Widrigkeiten des Lebens lösen sich gewiss nicht einfach so in Luft auf, manche bleiben uns ein Leben lang erhalten. Verzichten wir jedoch auf das Selbstbejammern, lassen sich die "eigenen Lebensdramen" leichter und zumindest mit Ansätzen von Heiterkeit ertragen. Selbstversuche wärmstens empfohlen.