"Die Erfindung Europas" lautet der schlichte Untertitel des umfangreichsten neuen Werkes zum Wiener Kongress. Das macht deutlich: 1814/1815 erfolgten in Wien zumindest erste Ansätze zu einer neuen Entwicklung unseres Kontinents. An dem üppig illustrierten Band, zu dem 23 namhafte Experten als Autoren beigetragen haben, kommt wohl keiner, der sich ernsthaft für dieses historische Ereignis interessiert, vorbei.

Zu Beginn erhellt das Werk, wie um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die alte Welt auf eine neue traf, die von Vernunft und Vermessung, aber auch vom revolutionären Bürgertum geprägt war. Manfried Rauchensteiner zeichnet hier ein präzises Porträt von Clemens Lothar Fürst Metternich. Weitere Beiträge gehen konkret auf Wien ein, auf den Überwachungsstaat, die Zensur, die Mode und die Kriminalität, wobei sich Wolfgang Maderthaner auf die "entern Gründ’" der Vorstädte und Vororte konzentriert.

Man liest, wie der Kongress tanzte und trotzdem arbeitete, dass er mit hohen Kosten und meisterhafter Logistik, aber auch mit Musikkultur und Tafelfreuden verbunden war. Das Buch beleuchtet auch die politisierenden Frauen und die Emanzipation der Juden in dieser Zeit. Vordergründig stellte der Kongress alte Ordnungen her, er wies aber auch in die Zukunft. Erstmals wurde in einem internationalen politischen Dokument der Sklavenhandel verurteilt, dies blieb freilich vorerst, wie Marcel van der Linden schreibt, eine "folgenlose Erklärung".

Sachbuch

Der Wiener Kongress.
Die Erfindung Europas

Thomas Just, Helene Maimann, Wolfgang Maderthaner (Hg.)

Carl Gerold’s Sohn, 448 Seiten,

90 Euro