Anlässlich eines Trauerfalls kommt ein Mann aus Übersee zurück in die Provinz Sussex, wo er aufgewachsen ist. Das Haus seiner Kindheit steht längst nicht mehr, doch ein innerer Zwang führt ihn die Straße entlang, an der er gewohnt hat und an deren Ende eine Farm stand. Hier lebte Lettie Hempstock mit ihrer Mutter und Großmutter.

Jahrzehntelang hat der - namenlos bleibende - Protagonist nicht mehr an sie gedacht. Jetzt erinnert er sich - an Lettie und an seltsame Geschehnisse in der Kindheit.

Ein Untermieter im Hause seiner Eltern hat sich das Leben genommen, indem er deren Auto zum Einleiten von Abgasen zweckentfremdet hat. Er, der siebenjährige Bub, ist der Erste gewesen, der die Leiche gesehen hat. So hat er Lettie kennen gelernt.

Lettie lädt den verstörten Buben zu sich auf die Farm ein. Schnell bemerkt dieser, dass hier einiges merkwürdig ist. Die Familie besteht ausschließlich aus Frauen - Großmutter, Mutter und Lettie -, und sie alle scheinen hellseherisch begabt zu sein. Auf ihrem Anwesen ist ein Teich, den Lettie unbeirrbar einen Ozean nennt. Seltsame Dinge geschehen, wenn der Protagonist Lettie trifft: Sie geraten in Unwetter, treffen auf unförmige Wesen; Zeitläufe und Zyklen richten sich nicht nach der Uhr.

Auch bei ihm zu Hause in der Familie passieren höchst eigenartige Vorfälle: Der Bub droht an einer Münze zu ersticken - und wenig später beschuldigt ihn seine Schwester, mit Münzen nach ihr geworfen zu haben. Eine neue Haushälterin wird engagiert. Während sie den Rest der Familie sofort für sich gewinnt, mag der Bub sie überhaupt nicht. Jeden seiner Schritte scheint sie im Voraus zu wissen, alle seine Gedanken lesen zu können.

Ein Konflikt bricht aus, der darin eskaliert, dass ihn sein Vater in kaltem Badewasser untertaucht und er in seinem Zimmer eingesperrt wird. Er kann allerdings über die Regenrinne fliehen und rennt bei Nacht und Regen schnurstracks zu Lettie. Und damit spitzen sich die Ereignisse auf unvorstellbare Weise zu . . .

Was dieser Roman transportiert, das summiert der britische Autor aus der Perspektive seines Protagonisten in einem treffenden Satz: "Die Realität, die ich kannte, war eine dünne Glasur auf einem Geburtstagskuchen, in dem es vor Maden und Albträumen und Hunger nur so wimmelte. Ich sah die Welt von oben und von unten. Ich sah, dass es dort Muster gab und Portale und Pfade, die weit über die Realität hinausgingen."

Es sind archaisch anmutende Gegenwelten, die sich hier (im wahrsten Wortsinn) auftun. Welten, in denen Alltagslogik und physikalische Gesetze außer Kraft gesetzt sind. Und Neil Gaiman, höchst erfolgreicher Kreator bizarrer Szenarien, ist um keinen Effekt verlegen, sie so unwirtlich, befremdlich und bedrohlich wie nur möglich zu zeichnen.

Durch sein Geschick im Vermengen unterschiedlicher Realitäten schafft er es allerdings, das Buch nicht einfach in jenseitige Fantasy entgleiten zu lassen: Wenn er etwa unvermittelt in das traumatische Erleben seines kindlichen Protagonisten dessen - recht nüchterne - Perspektive als Erwachsener einfließen lässt, bringt er einen Realismus ins Spiel, der die Fabel gewissermaßen autorisiert.

Am Ende allerdings stiehlt er sich etwas unverbindlich aus der Geschichte.

Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße. Roman. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Eichborn Verlag, Köln 2014, 238 Seiten, 17,90 Euro.