Immer wieder hört man von Fällen, in denen ein "unauffälliger, gutmütiger, stets höflicher" Nachbar oder Arbeitskollege "plötzlich und aus heiterem Himmel" seine Frau, Mutter, den Nebenbuhler oder gleich alle nacheinander "ohne Vorwarnung" ermordet. Laut Heidi Kastner, Linzer Gerichtspsychiaterin und Autorin des Buches "Wut. Plädoyer für ein verpöntes Gefühl", geschehen diese scheinbar "unvorhersehbaren" Straftaten durchaus nicht ohne Vorzeichen. Die Fallbeispiele, die auch im Buch beschrieben werden, sind das Ergebnis jahre-, manchmal sogar lebenslang unterdrückter Wut. Laut Kastner sollen und können wir diese "Basisemotion" nicht ignorieren. Tun wir es doch, sind die Konsequenzen in den Beispielen nachzulesen. Kurz: Unterdrückte Wut kann uns krank machen und im Extremfall zu einer ungewollten "Kurzschlusshandlung" treiben. Die Lektüre bietet einen Einblick in die Thematik, ist aber kein umfassendes Werk. Wegen seiner doch zahlreichen Fachtermini richtet sich das Buch eher an ein belesenes Publikum. Die Fallbeispiele, allesamt verübt von Männern, sind interessant, spannend und für den Umfang des Buches ausreichend.

Wie die Lesenden mit ihrer Wut umgehen sollen, wird aber nur ansatzweise erklärt. Erst gegen Ende des Buches wird dazu geraten, die eigene Wut wahrzunehmen und "im rechten Maße" auszuleben. Praktische Anleitungen für das eigene Leben finden die Lesenden hier kaum. Daher ist dieses Buch kein Ratgeber, sondern ein Plädoyer, das als solches insgesamt lesenswert ist, geschrieben mit einer Prise Humor.