Der Suhrkamp Verlag, einst Zentralstelle deutscher Intellektualität, geisterte in den letzten Jahren hauptsächlich als Gegenstand schier unfasslicher Streiterei zwischen seinen Eigentümern durch die Seiten der Feuilletons.

Entgegen anderslautenden Gerüchten werden dort aber nach wie vor auch Bücher produziert. Eins davon hat mir das Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt (Tuvia Tenenbom:"Allein unter Juden" Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 474 S.). Um es vorwegzunehmen: dies ist das vermutlich lustigste Buch, das je über den Antisemitismus geschrieben wurde; bedrückend wird es erst später, wenn man drüber zu sinnieren anfängt.

Tenenbom, 1957 in Tel Aviv geboren, entfloh dem strenggläubigen Milieu seines Elternhauses 1981 nach New York, wo er heute als Autor und Theatermacher lebt. Vor kurzem ist er für mehrere Monate in die alte Heimat zurückgekehrt, um eine großangelegte Reportage über Land und Leute zu schreiben, mit besonderer Berücksichtigung des besetzten Westjordanlands.

Er nennt sich "Tobi der Deutsche", was ihm speziell bei seinen neuen palästinensischen Bekanntschaften jede Menge Sympathie, ja spontane Freundschaft einbringt, beim PLO-Geheimdienstchef Dschibril ar-Radschub gar den Ehrennamen Abu Ali (der Tapfere). "Was sie mir nicht verraten, vielleicht weil sie davon ausgehen, dass ich es schon weiß, ist, welchen anderen Mann die Palästinenser mit diesem Namen geehrt haben. Adolf Hitler."

Das Buch ist, wie gesagt, streckenweise zum Schreien komisch und, wie es bei Monty Python heißt, "it makes you think". Nachdenklich stimmt die innige Anteilnahme, die dem Land von so gut wie allen Staaten der Welt entgegengebracht wird. Palästina als Land der Rekorde: nirgendwohin geht mehr Finanzhilfe pro Kopf der Bevölkerung, nirgendwo wachen mehr NGOs über Wohl und Wehe der Besetzten, nirgendwo anders engagieren sich selbst weltweit als unparteiisch geachtete NGOs wie das Rote Kreuz aktiv für die eine Seite, kurz gesagt etwa nach dem Muster: wir helfen euch, das jugendliche Steinewerfen gegen die israelische Armee zu organisieren, und wenn sie dann mit Tränengas schießen, filmen wir das Ganze und stellen den internationalen Medien das Material zur Verfügung - die sich sehr darüber freuen.

Finanziert wird das unwürdige Spektakel in erster Linie von amerikanischen Privatpersonen und dem deutschen Steuerzahler. Und nicht zuletzt kämpfen die israelischen Linken an dieser virulenten Front des internationalen Antisemitismus, der sich das respekta-ble Mäntelchen der besorgten Schutzmacht für die Palästinenser umgehängt hat. Genug von dieser Besorgtheit bekommt man ja auch auf den Seiten unserer Medien, besonders der sogenannten linksliberalen, zu lesen.

Dass es unter diesen Bedingungen nie einen Frieden zwischen Israel und Palästina geben kann, liegt auf der Hand. Die Palästinenser wären schön blöd, diese komfortable Form der Unterjochung gegen die Unwägbarkeiten des vom islamistischen Wahnsinn durchtobten Nahen Osten einzutauschen. Währenddessen geht Israel ganz kleinweise vor die Hunde - zumindest ein Pessimist könnte leicht zu diesem Schluss kommen. Als ewiger Optimist mag ich daran nicht glauben, dass diese großartige kleine Nation an diesem unmöglichsten aller Orte nicht nur durchhalten, sondern reüssieren wird. Mehr Beistand von unserer Seite, oder zumindest weniger gelebten Antisemitismus, könnte es immer brauchen.

Wie gehen Gesellschaften vor die Hunde? Das "Petersburger Tagebuch" der Jahre 1918/19 hatte die für ihre Lyrik bis heute berühmte Sinaida Hippius bei ihrer Flucht aus Russland mitgenommen, 1993 konnte man es auf Deutsch lesen. Um diese Zeit tauchte der größere, verloren geglaubte Rest des mit Kriegsbeginn 1914 einsetzenden Tagebuchs wieder auf - im russischen Staatsarchiv, wo jemand überaus Mutiger es in der Handschriftenabteilung versteckt hatte. Als 358. Band der Anderen Bibliothek können wir es jetzt nachlesen (Sinaida Hippius: Petersburger Tagebücher 1914-1919, übers. von Bettina Eberspächer und Helmut Ettinger. Die Andere Bibliothek, Berlin 2014, 480 S.). Am 15. 12. 1918 schreibt sie: "An der Sadowaja ein Anschlag: Hundefleisch, 2 Rubel 50 Kopeken das Pfund. Davor eine lange Schlange. Eine Maus kostet 20 Rubel."