Als fesche Lola in dem Film "Der blaue Engel" (1930) ist Marlene Dietrich berühmt geworden. Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, stellte sie sich den in sie verliebten Männern zur Verfügung. An solchen Männern herrschte kein Mangel, Männer umschwirrten sie wie Motten das Licht, oft waren es welche bürgerlichen Zuschnitts in reifem Mannesalter.

Was die fesche Lola auf der Leinwand erlebte, widerfuhr der Dietrich auch im wahren Leben, und zwar ständig. Ein beständig in sie Verliebter war der Schriftsteller Alfred Polgar, und zwar seitdem er die Dietrich zum ersten Mal gesehen hatte, 1926 auf der Bühne der Wiener Kammerspiele. Später lernte Polgar die Schauspielerin persönlich kennen, und als nach der Machtergreifung der Nazis seine wichtigsten Erwerbsquellen in Deutschland versiegten, half ihm die mittlerweile in Hollywood zu Weltruhm und Höchstgagen gelangte Marlene mit finanziellen Spenden über die schrecklich deprimierende Zeit.

In eben dieser gönnerhaften Gesinnung förderte die Dietrich auch 1937 Polgars Projekt, ein Buch über sie zu schreiben. Es wurde geschrieben, blieb aber ungedruckt. Die Weltgeschichte trat dazwischen. Polgar musste 1938 Österreich verlassen, im Fluchtgepäck das Marlene-Manuskript.

Dieses Manuskript, 1984 vom Polgar-Experten Ulrich Weinzierl in New York entdeckt, ist erst jetzt von ihm, fachmännisch kommentiert, im Zsolnay Verlag veröffentlicht worden. Als dies bekannt wurde, war die Gemeinde der Polgar-Liebhaber entzückt - bis zur Lektüre; jetzt ist sie enttäuscht. Zumal wenn sie sich die schönen Worte des Polgar-Biographen Ulrich Weinzierl in Erinnerung ruft: "Das meiste von dem, was Polgars Rang ausmacht, war nämlich seine wirkliche Eigenart, einmalig und unverwechselbar. Sein Witz, der ohne Witzelei funktionierte, seine taghelle Melancholie, seine zutiefst skeptische, ungeschwätzige Lebensphilosophie und nicht zuletzt seine spielerisch-virtuose Sprachbeherrschung . . ."

Wie gesagt: das meiste. Polgars Marlene-Büchlein zählt zu dem wenigen, was seinen Rang gefährdet. Der Meister der kleinen Form, ach es ist nicht zu übersehen, fühlt sich hierbuchs nicht wohl. Er weiß (und wir merken’s), dass er in einem fremden Element unterwegs ist. Wie glücklich ans Ziel gelangen? So fragt sich der literarische Sprinterstar, der sich auf die Mittelstrecke gewagt hat. Seine Eigenart passt nicht in das Monographieformat. (Nicht für es gebaut, wie’s bei Morgenstern heißt.)

Der Meister der kleinen Form hat großen Kummer. Die Komposition des Dietrich-Buchs (klagt er seinem Schweizer Mäzen Carl Seelig) sei für ihn "bittre, schwere Arbeit"; Witz und Lebensphilosophie verkümmern unter dem Auftrag ihres Hausherrn, "als Psalmodist einer Film-Diva" tätig zu sein. Als solcher muss er ja ständig die panegyrische Leier spielen, und das klingt etwa so: Marlene ist eine "rätselhafte Schönheit, vollendet schön auch an Gestalt", eine Frau "von seltsamer, fesselnder Schönheit", in der sich "das Sinnlich-Weiche, Bedrohlich-Ruhige" spiegelt. Das "Spiel der Dietrich" zeigt "das Neben-Einander von Intensität und Unbeteiligtheit", und wenn’s der Filmregisseur wünscht auch "das schmerzlich-süße Lächeln der femme fatale". Kurzum, Marlene ist nicht nur die "einmalige, vollkommene Verkörperung" des Erdgeist-Typs, sondern der Inbegriff schauspielerischer Vollkommenheit schlechthin, wie der Psalmodist zu preisen, loben und hudeln hat. - Bekanntlich aber ist nobody perfect. Wie sich zeigt, auch Alfred Polgar nicht.

Alfred Polgar: Marlene: Bild einer berühmten Zeitgenossin. Hrsg. und Nachwort von Ulrich Weinzierl. Zsolnay Verlag, Wien 2015, 159 Seiten, 18,40 Euro.