"Ich habe gar keinen Zwillingsbruder. Er ist gestorben. An unserem achten Geburtstag. Danach hat sich alles verändert. Mein Vater hat Karriere gemacht. Er hat nur noch gearbeitet. Wir sind in ein großes Haus gezogen und schwimmen im Geld. Meine Mutter hat beschlossen, in der Vergangenheit zu leben. Ich bin Luft für meine Eltern. Ich schätze, sie hätten es besser gefunden, wenn ich statt seiner gestorben wäre. Sie tun noch so, als wäre ich ihre Tochter, aber sie fühlen nichts für mich. Und ich fühle auch nichts für sie. Ich hatte einen Hund. Er hieß Rocky. Den haben sie töten lassen. Weil er sie genervt hat. Das war genau heute vor einem Jahr. Als ein vorträgliches Geburtstagsgeschenk. Deshalb habe ich versucht, mich umzubringen."

165 Seiten braucht es in Franziska Molls Teenager-Roman "Egal wohin", bis ihre Protagonistin Johanna all das offen ausspricht, was man sich bis dahin aus ihrer tagebuchartigen Ich-Erzählung zusammengereimt hat. Darin geht es um die letzten elf Tage vor ihrem 18. Geburtstag, an dem sie endgültig aussteigen will. Gemeinsam mit Koch. Koch, von dem sie eigentlich so gut wie gar nichts weiß (nicht einmal seinen richtigen Namen), außer dass er an ihrem 18. Geburtstag am vereinbarten Treffpunkt sie und ihren Seesack ins Auto nehmen und mit ihr Richtung Kreta abzischen wird, um dort gemeinsam ein neues Leben mit eigenem Restaurant am Meer aufzubauen. Koch, der in dem Lokal als Koch arbeitet, in dem Johanna gegen den Willen ihrer Eltern zwischen Führerscheinkurs und Therapiestunden kellnert. Koch, der zuerst den jungen Asylwerber Amar mit in sein Heiligtum - die Lokalküche, die sonst niemand angreifen darf - mitbringt und dann plötzlich spurlos verschwindet. Aber Johanna ist fest davon überzeugt, dass er sie nicht im Stich lassen wird. Und so wartet sie darauf, dass sie endlich 18 wird. Doch dann entwickelt sich alles ganz anders . . .

Franziska Moll, die übrigens selbst Mutter von Zwillingen ist, hat sich ein schwieriges Thema vorgenommen und meistert es bravourös. Auch wenn Johannas formvollendete Aufmüpfigkeit gegenüber allen Konventionen - vor allem gegenüber der scheinheiligen heilen Welt der Eltern, deren Ehe längst kaputt ist - manchmal ein bisschen sehr dick aufgetragen wirkt. Aber gerade ihre brutale Verarschen-um-nicht-selbst-verarscht-zu-werden-Haltung, bei der sich Johanna trotz aller Eskapaden selbst treu bleibt, sorgt für durchaus heitere Momente zwischen den schwarz triefenden Zeilen. Man kann also auch Problembücher schreiben, ohne sie explizit so zu nennen.

Franziska Moll: Egal wohin
Loewe Verlag; 13,40 Euro