Die Argumentationskette, die zum (deutschen) Titel dieses Buches führt, erinnert an Thomas Bernhard, den in "Beton" eine Tirade gegen menschliche Tierliebe über einen gedanklichen Haken zum Philosophen Arthur Schopenhauer geleitet: ". . . ich muss nicht wahnsinnig sein zu behaupten, Schopenhauer habe einen Hund aufgehabt, keinen Kopf". Jonathan Lethem wiederum beschreibt seine Identifikation mit dem dritten Talking Heads-Album als dermaßen vollkommen, "dass ich mir vielleicht sogar wünschte, Fear Of Music anstelle meines Kopfes zu tragen".

Es ist im Prinzip ein Initiationserlebenis, das der New Yorker Schriftsteller hier zum Thema macht. Und damit erübrigen sich alle Fragen, warum er die Vorzüge dieser Studie - ihre Akribie, Einfühlsamkeit und einen weit über die Grenzen des Genres Pop hinausreichenden kulturellen Weitblick - just der dritten Talking Heads-Platte und nicht noch höher eingeschätzten Werken wie "Remain in Light" oder auch "Speaking in Tongues" widmet: "Fear of Music" hat sein Leben geprägt, seit er sie als 15-Jähriger zum ersten Mal gehört hat.

Jedem einzelnen der elf "Fear of Music"-Songs - von der rhythmisch vertrackten Dada-Hommage "I Zimbra" am Anfang bis zum eigenartigen "Drug" am Ende - gewährt Lethem eine umfassende Beschreibung. In den Kapiteln dazwischen stellt er Fragen. Etwa diese: "Ist Fear of Music eine New York-Platte?". Die Antwort ist ja und offenbart eine Eigenart der New Yorker Kulturszene: "Die Talking Heads waren die definitive New York-Rockband. Oder Manhattan-Band, wenn man die äußeren Bezirke an die Ramones abtritt. Ihre Emigrationsgeschichte (von Baltimore, Rhode Island, Kentucky oder von wo auch immer) sicherte ihnen denselben Status, den auch Dawn Powell oder Truman Capote besaßen. Diese Stadt war und ist für alle Zeiten nicht durch Einheimische bestimmt, sondern durch diejenigen, die von weither kamen und sie in Besitz nahmen."

Besonders spannend aber ist, wenn der (zum Veröffentlichungszeitpunkt des Buches) 50-jährige Lethem mit dem 15-jährigen Fan von 1979 in Interaktion tritt. Er reflektiert dabei über die unvermeidlichen Desillusionen durch das Erwachsenwerden und trifft solchermaßen das Wesen des Pop-Fan-Seins auf den Punkt: "Die schmerzhafte Intensität, mit der wir an die undeutlichen Reflexionen in den Spiegeln der Kunstwerke herangehen, die zu lieben wir uns entschieden haben, und unsere Bereitschaft, uns von ihrem Unvermögen, unseren nächsten Bewegungen in diesem Mummenschanz zu entsprechen, enttäuschen zu lassen (...), das ist wahrscheinlich eine Form der Gnade."

Jonathan Lethem: Talking Heads - Fear Of Music: Ein Album anstelle meines Kopfes. Aus dem Amerikanischen von Johann Christoph Maass. Tropen Sachbuch bei Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 175 Seiten, 18,50 Euro.