Mit "Jimi Hendrix live in Lemberg" legt Andrej Kurkow wieder einen, ja: einen "echten Kurkow" vor. Einen Roman also, in dem die Handlung turbulent und ein gutes Stück surreal ist, der am Ende aber vor allem von der Liebenswürdigkeit seiner Figuren lebt, auch jener, die einem fürs Erste eigentlich nicht unbedingt übermäßig sympathisch sein müssten. Wie etwa der aufdringliche Friseur Jerzy Astrowski, oder der KGB-Hauptmann der Reserve Rjabzew, der nun den Großteil seines Pensionisten-Daseins in einem Taubenschlag verbringt.

Rjabzew hat zu Sowjetzeiten eine Gruppe junger Hippies überwacht. Er tat das allerdings gerade so aufdringlich und eifrig wie unbedingt nötig. Denn eigentlich mochte er die langhaarigen Jungs und hat, um ihnen eine Freude zu machen, die Überstellung einer gefälschten Jimi-Hendrix-Hand nach Lemberg veranlasst. Die haben die Hippies am Lytschakiwski-Friedhof begraben und verehren sie heute, inzwischen alle weit über fünfzig, immer noch wie eine Reliquie.

Einmal im Jahr trifft sich die Clique daher, um Jimi die Ehre zu erwiesen. Bei einer solchen Feier will sich Hauptmann Rjabzew mit den einst von ihm Beschatteten versöhnen und passt sie ab: "Wenn ich mich kurz halten soll, dann möchte ich mich zunächst dafür bedanken, dass ich vor fünfunddreißig Jahren durch euch Jimi Hendrix kennenlernen durfte! Er hat mein Leben verändert."

Doch das ist eigentlich nur der Ausgangspunkt der Handlung und eigentlich eine Nebenepisode. Im Kern des Romans steht Taras, ein dreißigjähriger Mann, der sein Geld damit verdient, vornehmlich polnische Gäste bei Nacht mit hoher Geschwindigkeit durch die Kopfsteinpflasterstraßen Lembergs zu fahren. Als Gefährt dient ihm ein schlecht gefederter Opel Vectra mit, wie es heißt, internationaler Biographie: "Deutschland in den späten achtziger Jahren, Polen in den Neunzigern, Weißrussland in den Nullerjahren und jetzt die Ukraine im Jahr 2011".

Der Zweck der Fahrten ist ein strikt medizinischer: Durch die wilden Erschütterungen können die Passagiere von Taras ihre Nierensteine los werden, die sie, wenn es so weit ist, am Straßenrand in ein Glas pinkeln. Dass Taras die Steine sammelt und sie am Ende eine entscheidende Rolle bei seiner Liebesgeschichte mit der Wechselstuben-Schönheit Daria spielen werden, darf hier noch erwähnt werden, mehr aber nicht.

Mit Taras und Daria als Zen-trum schreitet die Geschichte nun voran und handelt davon, dass die Stadt irgendwie Schritt für Schritt aus den Fugen gerät. Plötzlich tauchen unzählige Möwen über ihr auf, die üblicherweise nur am Meer leben, es riecht bisweilen so salzig, dass Menschen kollabieren. Kurzum: eine Katastrophe, wenn auch vorerst im verträglichen Biedermeier-Format, bahnt sich an.

Damit sie abgewendet werden kann, muss viel geschehen: die Hippies greifen ein, der KGB-Hauptmann wendet sein ganzes ermittlungstechnisches Wissen auf und auch ein Dichter, dem eine Figur in die Realität entflohen ist, betritt die Bühne. Dass zur Rettung Lembergs überdies zwingenderweise - warum, darf hier natürlich nicht verraten werden - reichlicher Wodka-Konsum nötig ist, schadet dem Lokalkolorit des Ganzen nicht. Im Gegenteil. Und es erlaubt überdies die Einführung der einen oder anderen weiteren skurrilen Figur. Dass am Ende die Gefahr gebannt ist, Lemberg wieder aufatmet und all die sympathischen Helden wieder ihrem wichtig-unwichtigen Alltag nachgehen können, versteht sich von selbst. Schön, oder?

Andrej Kurkow: Jimi Hendrix live in Lemberg. Roman. Aus dem Russischen von Sabine Grebing und Johanna Marx. Diogenes, Zürich 2014, 416 Seiten, 23,60 Euro.