Die Vergangenheit Frankreichs lebt in uns, unverbrüchlich. Anfang des Jahres spürten wir sie wieder pochend, als hasserfüllte Attentäter unter Missbrauch einer Weltreligion ihren Anschlag auf die von ihnen verachteten Grundwerte des Westens verübten. Doch wie stehen wir selbst zu diesen universalen Werten, die einst in langwierigen historischen Kämpfen errungen werden mussten? Wie zu Gedanken-, Glaubens- und Meinungsfreiheit? Wie zur Gleichheit vor dem Gesetz? Zu den allgemeinen, unveräußerlichen Menschenrechten? Zur Trennung von Religion und Staat, Gleichstellung von Mann und Frau, zu Bildung und Aufstiegschancen für alle?

Diese Werte sind nichts weniger als der Fundamentalismus unserer Zivilisation. Wir übernehmen sie als Errungenschaften der Aufklärung seit dem späten 18. Jahrhundert. Der entscheidende Katalysator war neben der amerikanischen Unabhängigkeit die Französische Revolution. Was sie uns, nach blutigen Exzessen und Hekatomben von Opfern, an demokratischen Leitbildern hinterließ, ist stets dann extrem politisch bedroht, wenn ihre weiterentwickelten Werte im Namen eines auf Gewalt, Unterdrückung und Erniedrigung gestützten Systems zerschlagen werden sollen.

Ein politisches Lehrbuch


Die Geschichte der Französischen Revolution, ungezählte Male untersucht, muss für jede Generation neu erzählt werden. Für die Zeitgenossen heute, die dem revolutionspathetischen Überschwang der 68er-Rhetorik längst entrückt sind, leistet dies Johannes Willms in einer eindringlichen, dicht mit Fakten gestützten neuen Darstellung. Sein breitflächiges Panorama lässt er mit einer Feststellung des blutrünstigen Jakobiners Maximilien Robespierre beginnen, die in ihrer unheilvollen Mischung aus Glaubensanmaßung und Gewalt nicht von ungefähr wie die Rechtfertigungsphrasen heutiger islamistischer Attentäter klingt: "Ohne die Tugend ist der Terror verderblich, und ohne Terror ist die Tugend ohnmächtig. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge und unbeirrbare Justiz. Der Terror ist damit ein Ausfluss der Tugend." Man braucht hier nur das vergewaltigte Wort "Justiz" durch den ebenso missbrauchten Begriff "Scharia" zu ersetzen und ist sogleich mitten in den gegenwärtigen Bedrohungen durch einen mörderischen Glaubensirrsinn.

Die Revolution von 1789 erwuchs aus einem morsch gewordenen monarchischen System und einer veritablen Finanzkrise, die mangels politischem Sachverstand in Staatsbankrott und Massenelend mündete. Verschont von der massiven Steuereintreibung blieb das Oberdeck der Gesellschaft, Adel und Geistlichkeit. Die unteren Stände trugen die ganze Last. Ein Heer von Hungernden und Arbeitslosen wuchs heran. So steigerte sich der Unmut der Massen ins Grenzenlose. Am 14. Juli 1789 brachen mit dem Sturm auf die Bastille alle Dämme. Das Volk erklärte sich zum Souverän.

Der Verlauf der Revolution zeigt die Versuchungen des ideologischen Geistes, der die abstrakten Vorstellungen des Wünschbaren in das Prokrustesbett von allgemein verbindlichen Gesetzen zu zwingen sucht. Die unvorhersehbaren Spannungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die Eruptionen von Hass und Vergeltung verbinden sich mit dem Diktat von Gesinnung und Glauben zu einer brandgefährlichen Mischung. Daher ist jede Geschichte der Französischen Revolution ein politisches Lehrbuch über Grenzen und Gefahren von vernachlässigter sozialer Gerechtigkeit und ungezügeltem Volkswillen. Dennoch schließt Willms sein chronologisch angelegtes Epochenbild der Dekade von 1789 bis 1799 mit der Ansicht, "dass mit der Französischen Revolution die Vision einer nimmerwelken Heilserwartung, die sich als eine säkulare Umformung des christlichen Heilsversprechens charakterisieren lässt, in den Erwartungshorizont der Menschheit einrückte, die seither ihrer Verwirklichung harrt." Und er fügt nicht ohne ironischen Gebrauch von politischer Aktualität hinzu: "Angesichts dieser Perspektive beschied der chinesische Premierminister Zhou Enlai die Frage, ob die Französische Revolution beendet sei, mit der bekannten Antwort, es sei noch zu früh, darüber zu urteilen."

Sachbuch

Tugend und Terror. Geschichte der Französischen Revolution.

Johannes Willms

C.H. Beck, 831 Seiten, 30,80 Euro