Wien. Um das Jahr 1980 prägten vor allem die "drei K" - Bruno Kreisky als Bundeskanzler, Rudolf Kirchschläger als Bundespräsident und Franz König als Wiener Kardinal - die Nation. Damals gab es das Bonmot, der Kardinal halte eher die politischen Reden, der Bundespräsident dagegen die Predigten. Wieweit darin ein mehr oder weniger großes Körnchen Wahrheit steckt, lässt sich jetzt, zumindest was Kirchschläger betrifft, nachprüfen. Im Styria Verlag ist - pünktlich vor seinem 100. Geburtstag am 20. März - das Buch "Ins Heute gesprochen", das zahlreiche Auszüge aus Ansprachen Rudolf Kirchschlägers enthält, erschienen.

Bundespräsident Heinz Fischer schrieb das Geleitwort und würdigte bei der Buchpräsentation in der Wiener Hofburg das Leben des im Jahr 2000 verstorbenen Staatsoberhauptes. Kirchschläger musste 1938 sein Jus-Studium abbrechen, weil er keiner Gliederung der NSDAP beitreten wollte. Nach dem Krieg, in dem er schwer verwundet wurde, schlug er die Richterlaufbahn ein und kam 1954 als Rechtsexperte ins Außenministerium. Als 1968 der "Prager Frühling" abgewürgt wurde, habe sich Kirchschläger als österreichischer Gesandter in Prag "eindrucksvoll und mutig" verhalten, sagte Fischer.

1970 holte Kreisky den parteilosen Diplomaten als Außenminister in sein Kabinett, 1974 wurde Kirchschläger zum Bundespräsidenten gewählt. Bei seiner Wiederwahl 1980 erreichte er das Rekordergebnis von 79,9 Prozent. "Kirchschläger stand für Besonnenheit, Augenmaß und Gerechtigkeit" betonte Fischer. Zum neuen Buch stellte er fest, er sei beeindruckt von der "Fülle der Gedanken", die darin enthalten seien, aber auch "von der Sorgfalt, mit der sie gesammelt wurden".

Dieser Arbeit unterzog sich der Herausgeber, Rudolf Kirchschlägers Sohn Walter, Theologe und jahrzehntelang Professor für Neutestamentliche Bibelwissenschaft in Luzern. Material aus 1200 Reden gliederte er in Zitate zu 45 Themen, die vor allem politisches und gesellschaftliches Leben, Wirtschaft, Ethik und Religion betreffen. Rudolf Kirchschlägers Reden sind geprägt von einem hohen ethischen Anspruch, aber auch von Toleranz und Anwaltschaft für die Schwächsten in einer Gesellschaft. "Eine Vernunft, die zum Krieg führt, gibt es nicht", lautet eine seiner zeitlos gültigen Aussagen. "Nicht erledigt", so Walter Kirchschläger, sei auch der Aufruf seines Vaters zum "Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen".

Die Texte seien "erstaunlich aktuell geblieben", was den Titel "Ins Heute gesprochen" absolut rechtfertige, betonte auch Styria-Verlagsleiterin Gerda Schaffelhofer. Rudolf Kirchschläger habe alle seine Reden selbst geschrieben, das Buch sei ein "spannendes Stück Zeitgeschichte".