Amos Oz, geb. 1939 in Jerusalem. - © Aristidis Vafeladakis/ZUMA Press/Corbis
Amos Oz, geb. 1939 in Jerusalem. - © Aristidis Vafeladakis/ZUMA Press/Corbis

War Judas wirklich ein Verräter, wie die Christen glauben? War er nicht in Wahrheit der erste und einzige Christ, wie der Jude Schmuel Asch glaubt? Dieser Schmuel Asch - halt, nein, ich sollte anders beginnen.

Eine Exegese der biblischen Männerfreundschaft zwischen Jesus und Judas begleitet diese Erzählung einer seltsamen Beziehungsgeschichte; sie spielt in Jerusalem im Winter 1959/60.

Der 25-jährige Student Schmuel Asch stürzt in eine Lebenskrise. Seine Freundin Jardena trennt sich von ihm und heiratet einen "fleißigen und schweigsamen Hydrologen", also einen Mann mit soliden Eigenschaften. Schmuel nämlich ist zwar kräftig gebaut und kräftig wuchert auch sein gekräuselter Bart, doch leidet er an chronischem Asthma und neigt zu rascher und heftiger Empfindsamkeit, die sich oft in stabile Depression wandelt.

Jetzt, da er sich fühlt wie "ein schwindliger Bär, den man aus seinem Winterschlaf gerissen" hat, beschließt er, sein Studium der Geschichte und Religionswissenschaften wie auch seine M.A.-Arbeit über "Jesus in den Augen der Juden" abzubrechen.

Student und Greis


Seltsam, dass Schmuel dieses Studium überhaupt begonnen hat, ist er doch kein gläubiger Jude, sondern Mitglied in einem "Arbeitskreis zur sozialistischen Erneuerung", welcher allerdings aus nur sechs Genossen besteht und nach der Verurteilung von Stalins Verbrechen am XX. Kongress der KP der Sowjetunion allmählich zerfällt.

Jetzt, im November 1959, stößt der kraft- und ziellose Schmuel am Schwarzen Brett der Universität auf eine Anzeige, die ihn anspricht: Gesucht wird ein alleinstehender Student der Geisteswissenschaften, ein sensibler Gesprächspartner mit historischem Wissen, der - gegen freies Wohnen und bescheidenes Entgelt - bereit ist, einem kultiviert gebildeten, aber behinderten Mann von siebzig Jahren allabendlich Gesellschaft zu leisten. Schmuel bewirbt sich, wird engagiert und zieht in das dunkle, mit schmerzlichen Geheimnissen möblierte Haus ein, in dem der gebrechliche Gerschom Wald und seine Schwiegertochter Atalja wohnen.

Wie sich Tag für Tag, Abend für Abend, Nacht für Nacht die Beziehung Schmuels zu Gerschom und Atalja allmählich entwickelt und entfaltet - und vice versa, das entwickelt und entfaltet der meisterhafte Romancier Amos Oz mit epischer Präzision und psychologischem Tiefsinn. In kurzen, nur wenige Seiten langen Kapiteln legt er auf solche Beziehungsweise die Lebensgeschichten der beiden Hausbewohner offen.