"Mein Vater war gut, wie andre Menschen blond sind oder Frühaufsteher oder Bulgaren." Der da erzählt, heißt Otto Maier, und ist Insasse des Pariser Gefängnisses Santé. Drei dicke Hefte schreibt er im Sommer 1939 voll - nur um Klarheit zu gewinnen über den Weg, der ihn in diese Zelle gebracht hatte. Dafür holt der 1909 Geborene bis in seine Wiener Kindheit aus. In Zeiten also, da der Sohn eines edelmütigen Arztes noch nicht verstand, welch besondere Bewandtnis es haben sollte, dass sie Juden waren. Der Vater war für ihn der einzige Mensch, von dem er sich verstanden fühlte, den er liebte - und den er fürchtete.

Im Gymnasium wird Otto mit dem Antisemitismus der Mitschüler konfrontiert. Als Wortstärkster tut sich Franz Macholdt hervor. Er sollte in Ottos Leben eine teuflische Rolle spielen. Zunächst aber geht der Arztsohn nach Paris; aus dem geplanten Jahr werden drei, aus dem Studium hingegen nichts. Stattdessen Casino und Rennplatz. Aus Geldnot verdingt Otto sich als Barpianist und "schlittert" so in seinen künftigen Beruf hinein. Sehr zum Missfallen des Vaters, der den Sohn zurückbeordert und ein "missratenes Mitglied der Gesellschaft" schilt.

Die Nacht wird für Otto nun zum Tag, der Rauch im Stammcafé zum barmherzigen Vernebler der Konturen des Grauens. Otto verlässt Österreich auch 1938 nicht - und gerät in die perfiden Fänge von Macholdt. Der ist eine große Nummer bei der Gestapo und signalisiert dem jüdischen Ex-Mitschüler, dessen deportierten Vater freizubekommen. Dafür macht sich Otto als Nazispitzel gemein. Eine Freundin klärt ihn auf: sein Vater ist tot! Für einen Auftrag nach Paris geschickt, sinnt Otto Rache - als Doppelagent. Doch der französische Geheimdienst ist auf den kleinen Zuträger nicht erpicht. Und die Emigrantenszene wendet sich von dem "Verräter" angeekelt ab.

Den großen Abschluss bildet Ottos Gespräch mit einem hehren Exilanten, seinem einstigen Religionsprofessor: Vergeblich rebelliert er gegen die höhere Moral, zu der die Juden verpflichtet seien. Damit "dringt er über das Einbekenntnis seiner Lebensniederlage hinaus zu einem Kernpro-blem der jüdischen Existenz vor", so David Axmann im Nachwort. Otto Maier wird von den Franzosen verhaftet - und erhängt sich in der Zelle.

Ein Rahmen umfängt diese Geschichte: Monsieur Bourguignac, einst Mann des Innenministeriums und nun Pariser U-Richter, übergibt die Hefte 1946 einem Österreicher, der zugleich als anonymer Ich-Erzähler fungiert.

David Axmann, Nachlassverwalter und Biograph von Friedrich Torberg, zitiert im Nachwort einen Brief des Schriftstellers an Hermann Broch. Darin erwähnt Torberg seine Arbeit an einem Roman, der "ein duftiges Sommer-Capriccio zum Thema hat, nämlich die Geschichte eines jüdischen Nazi-Spitzels . . ." Das Werk erschien 1947; es gilt als Torbergs bester Roman. Der Titel ist als Abwandlung der Bibelgeschichte vonIsaaks Opferung zu lesen, der ganze Roman als Doppelspiegelung des ewigen Vater-Sohn-Konflikts: am Beispiel eines Einzelschicksals wie am Beispiel jenes Kriegs, wo "das Phantom eines Führers den eigenen Vater ersetzt".

Friedrich Torberg: Hier bin ich, mein Vater. Roman. Milena Verlag, Wien 2014, 301 Seiten, 24,90 Euro.