Die arabisch-islamische Zivilisation hat sich die Wunden von Krieg und Zerstörung - verbunden mit dem Aufkommen von extremistischen Gruppierungen wie Al-Kaida und "Islamischer Staat" (IS, vormals ISIS) selbst geschlagen. Im Namen eines religiösen Fanatismus begeht der IS barbarische Verbrechen gegen alle "Ungläubigen", die sich ihrem Ziel, der Errichtung eines Kalifat-Staates wie in den Anfängen nach Mohammed, in den Weg stellen.

Es war nicht der böse Westen, hält der Nahost-Experte Bruno Schirra in seinem gut recherchierten und hochinteressanten Buch über die Hintergründe, die Finanzquellen und die Anziehungskraft der Terrormiliz IS für junge Muslime insbesondere auch aus europäischen westlichen Staaten, die im Bürgerkrieg in Syrien und auch im Irak auf IS-Seite zu kämpfen, fest. Nein, es war auch nicht der lange Schatten früherer europäischer kolonialer Einflüsse, der für den Zusammenbruch der einst so hochstehenden arabisch-islamischen Kultur verantwortlich zu machen sei.

Machtvakuum genützt


Die unzweifelhaft begangenen Fehler des Westens (insbesondere infolge der US-Invasion zum Sturz des Baath-Regimes von Saddam Hussein im Irak) haben nur als "Katalysator gedient", um die Glaubenstumulte und religiösen Verwerfungen im Großraum zu beschleunigen, konstatiert der Autor. Im Juni 2014 war Schirra als einer der wenigen deutschen Journalisten im Krisengebiet, als die IS-Kämpfer zu ihrer Großoffensive in Syrien und im Nordirak ansetzten, wo sie weite Gebiete in beiden Ländern einfach überrannten und mit ihrem Terror überzogen. Schirra sprach mit IS-Kämpfern und deren Opfern, mit deutschen Salafisten und Dschihad-Aussteigern, mit Islamgelehrten und Geheimdienstmitarbeitern. Finanziell unterstützt unter anderem durch arabisch-sunnitische Staaten konnte die IS-Miliz insbesondere aus dem Machtvakuum der Bürgerkriegswirren in Syrien zu solcher Stärke heranwachsen. Die mit der großteils schiitisch dominierten irakischen Zentralregierung in Bagdad unter dem immer autokratischer auftretenden früheren Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki unzufriedenen sunnitischen Stämme im Nordirak konnten von der IS-Führung relativ leicht auf ihre Seite gezogen werden, weil sie unter Maliki immer mehr von der politischen Macht im Irak verdrängt worden waren. Dadurch wurden die raschen militärischen Erfolge des IS im Nordirak erst möglich.

Der brutale Sturmlauf des IS bis vor die Tore der kurdischen Regionalhauptstadt Erbil konnte nur durch massive Luftangriffe in der sich bildenden prowestlichen Anti-IS-Allianz unter Führung der USA gestoppt werden. Der monatelange zähe Kampf um die syrische Grenzstadt Kobane ist dafür symptomatisch, wo schließlich die kurdischen Einheiten mit westlicher Luftunterstützung die IS-Miliz vertreiben konnten.

Mit gelungener Propaganda im Internet werden ständig junge Frauen und Männer, Migranten der dritten Generation und Konvertiten aus der ganzen Welt, angelockt, um für den IS in den Kampf zu ziehen. Aus Europa sind etwa 8000 Dschihadisten ausgereist, etwa 3000 bereits wieder zurückgekehrt. Das sind "tickende Zeitbomben", die im Namen des IS Europa verändern werden, betont der Autor. Die Anschläge in Belgien und in Paris haben die Menschen in den europäischen Städten auf die Straßen getrieben, um gegen den Terror zu demonstrieren. "Europa ist vom Terror bedroht - nicht von einer Religion", so Schirra.

Auch wenn es aus dem Islam heraus Strömungen gibt, die Religion in eine Terror-Ideologie zu verwandeln, so bedeute das nicht, dass jeder gläubige Moslem den westlich-aufgeklärten demokratischen Verfassungsstaat bedrohe. Europa werde lernen müssen, mit IS und der von ihm ausgehenden Bedrohung zu leben, ohne dabei seine Werte und Freiheitsideale zu verlieren. Ein packendes Buch über die Herausforderungen und Gefahrenpotenziale des islamistischen Terrors vor allem für Europa, die es zu meistern gelte.

Sachbuch

ISIS - Der globale Dschihad

Bruno Schirra

Econ, 336 Seiten, 18,50 Euro