Es ist also tatsächlich passiert, das Unglaubliche, ja Unvorstellbare: Mit Jan Wagner hat erstmals ein Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik erhalten. Und zwar mit einem Gedichtband (!), und nicht - wie im Falle des originären Lyrikers Lutz Seiler vergangenen Herbst beim Deutschen Buchpreis - mit einem Roman. Das Feuilleton überschlägt sich angesichts dessen vor Begeisterung, die Jury sonnt sich freudig im Glanz ihrer unkonventionellen Entscheidung, und mancher Beobachter sieht gar schon eine literarische Zeitenwende gekommen: Endlich schlägt mal wieder jemand dem armen, randständigen Gedicht eine Bresche!

Doch bevor hier vorschnell die Renaissance einer unterschätzten Gattung ausgerufen wird, sei an zweierlei erinnert: Zum einen war das Feld der Konkurrenz in diesem Jahr ausgesprochen schwach, und die Jury hatte - mit Ausnahme von Norbert Scheuers "Die Sprache der Vögel" - auch noch auffallend mittelmäßige Bücher nominiert. Zum anderen ist es natürlich auch nicht ganz fair, Lyrik und Roman in einem Wettbewerb gegeneinander antreten zu lassen. Viel schöner wär es, gäbe es bei den beiden großen publikumsorientierten Buchpreisen des Jahres - dem in Leipzig und dem Deutschen Buchpreis - jeweils eine eigene Sparte Lyrik. Damit wäre dem Genre vermutlich besser und nachhaltiger gedient als mit dem heurigen Leipziger Allerlei.

Im Übrigen aber hat Jan Wagner diesen Preis verdient wie kaum ein anderer. Doch auch er weiß, dass "die Lyrik schon immer eine Kunst von wenigen für wenige gewesen ist" und aus ihrer "Schattenexistenz" allenfalls punktuell immer mal wieder herauskommen wird. Das macht das "Dasein als freier Schreibender" nicht leichter, schon gar nicht für einen wie den 1971 geborenen Wagner, der seit rund 15 Jahren "eine Art literarischer Dreifelderwirtschaft" betreibt: Er übersetzt angelsächsische Poeten wie Matthew Sweeney, Simon Armitage oder Robin Robertson, er schreibt als Rezensent über Lyrik - und er dichtet natürlich selbst. Wer über die beiden erstgenannten Tätigkeiten etwas erfahren will, der lese den vorzüglichen Essayband "Die Sandale des Propheten" (2011), der auch Einblick in Wagners Poetik des Gedichts gibt.

Wagners erster Lyrikband erschien 2001. "Probebohrung im Himmel" hieß er, und schon damals war zu erahnen, dass hier ein großer Verseschmied die literarische Bühne betrat.

Mit den "Regentonnenvariationen" hat er nun Gedichte vorgelegt, die von fast beängstigender Brillanz sind. Kaum ein deutschsprachiger Lyriker beherrscht das Spiel mit Formen und Traditionen so sehr wie Wagner. Doch dieses Spiel ist nie eitle Zurschaustellung lyrischer Gelehrtheit und handwerklicher Könnerschaft, sondern steht stets im Dienste des genauen Blicks auf die Dinge dieser Welt. Da werden Tiere und Pflanzen ebenso bedichtet wie Tassen oder ein Stück Seife, Gemälde ebenso wie "die ära von borg und mäckenroh", und das Besondere an Wagners Poesie besteht darin, dass sie weder im lakonischen Alltagston der 1970er Jahre versandet noch sich in selbstverliebten Sprachspielereien oder hermetischer Metaphorik verliert.

"No ideas but in things", dieses Bekenntnis des US-Lyrikers William Carlos Williams, gilt auch für Wagner: Aus alltäglichen Gegenständen erwachsen poetische Weltbetrachtungen - da schweben Servietten "mit ihresgleichen / durchs fegefeuer der großwäscherei" und feiern am Morgen "unter flinken / händen der kellnerinnen" Auferstehung; da reizt der Grottenolm, "der keine feinde / außer der Sonne hat", zu der Frage "weiß er nichts von unserer welt / oder weiß er alles?"; da erscheinen die in den Bäumen hängenden Koalas als "zerzauste stoiker, // verlauste buddhas, zäher als das gift, / das in den blättern wächst, mit ihren watte- / ohren gegen lockungen gefeit / in einem winkelchen von welt".

Ob Ode, Sonett oder Haiku - Wagner spielt mit den "sanften Zwängen" der Form, um die Wahrnehmung in unerwartete Richtungen zu lenken, um die scheinbar vertrauten Dinge ins Ungewisse zu rücken. Da werden dann selbst Mücken zu Musen und Tennisbälle zu Natur, "vergessen, bald versunken in den wiesen / und schon auf halbem wege zum gestein".

Wagners lyrische Metamorphosen sind ebenso überraschend wie unwiderstehlich. Und nebenbei ganz große Poesie.

Jan Wagner

Regentonnenvariationen

Gedichte. Hanser Berlin, Berlin 2014, 104 Seiten, 16,40 Euro.