Kreuzgang im Kloster Las Huelgas bei Burgos (Spanien), wo die Äbtissin lange Zeit bischöfliche Vollmachten hatte. - © Foto: Voz Noticias/corbis
Kreuzgang im Kloster Las Huelgas bei Burgos (Spanien), wo die Äbtissin lange Zeit bischöfliche Vollmachten hatte. - © Foto: Voz Noticias/corbis

Wenn sich Anfang Oktober dieses Jahres die Bischöfe der katholischen Kirche in Rom zu einer Synode treffen (Thema: "Berufung und Mission der Familie in der Kirche und der Welt von heute"), dann dürfte wieder einmal ein heftiger Glaubenskrieg auf der Agenda stehen - die Traditionalisten in der römischen Kurie im Abwehrkampf gegen jene Reformisten, die mehr Mitsprache der Laien, mehr Rechte für Frauen und wiederverheiratete Katholiken einmahnen.

Das zentrale Argument konservativer Kirchenmänner ist die Berufung auf eine viele Jahrhunderte überspannende Tradition ("Das haben wir schon immer so gemacht"). Doch genau dieses Argument sei völlig falsch, behauptet der angesehene deutsche Kirchhistoriker Hubert Wolf im neuen Buch "Krypta - Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte".

Nahezu alles, was heutige Kirchenreformer einfordern - mehr innerkirchliche Demokratie etwa, Frauen in höhen kirchlichen Funktionen oder eine Beschränkung päpstlicher Macht -, habe es in den 2000 Jahren Kirche schon gegeben. Die Reformer, so sein jedenfalls für den theologischen Laien origineller Schluss, seien die wahren Lordsiegelbewahrer katholischer Traditionen. Alles schon mal da gewesen, sozusagen.

Laien agierten wie Priester


"Es gibt nach katholischem Verständnis keine ideale Phase der Geschichte, mit einer mustergültigen Verwirklichung von Kirche. Vielmehr kommen alle Ausprägungen der Kirche, ihrer Ämter, Institutionen und Lehren, die sich im Laufe von zweitausend Jahren Kirchengeschichte entwickelt haben, als Reservoir von Ideen für eine heutige Reform der Kirche in Betracht", beschreibt er jene metaphorische "Krypta", deren verschüttet gegangene historische Artefakte er aufspürt und ausbreitet.

Um etwa zu predigen und die Beichte abzunehmen, heute ein Vorrecht geweihter Priester, genügte über mehrere Jahrhunderte ein fester Gottesglaube, ein geübtes Mundwerk und eine Dosis Sendungsbewusstsein.

Dass Laien ohne jegliche Weihen wie Priester agierten, beschreibt Wolf am Beispiel des Asketen Martin von Tours anschaulich, der im vierten Jahrhundert bar jeder Priesterweihe ein berühmter Diener Gottes wurde. Wer eine stärkere Rolle der Laien fordert, argumentiert Wolf deshalb, ist kein gottloser Umstürzler, sondern steht fest auf dem Boden uralter kirchlicher Tradition. Auch der uns heute nahezu gottgegeben anmutende Umstand, dass der Heilige Vater in Rom die Bischöfe der gesamten katholischen Welt völlig autonom und nach seinem Gutdünken ernennt, ist in Wahrheit ein Produkt der Neuzeit. Denn über Jahrhunderte galt, was Papst Leo der Große postulierte: "Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden." Weshalb auch die Kirchengemeinden in der alten Kirche mehr oder weniger demokratisch ihren Bischof selbst bestimmen durften. "Die freie Ernennung der Bischöfe durch den Papst ist kein Dogma, sondern eine historisch relativ späte Erscheinung", schreibt Wolf, für die Besetzung des Bischofsamtes gibt es "keine göttlich geoffenbarte Verfahrensweise". Weshalb auch hier gilt: Die Reformer sind die Bewahrer der Geschichte.

Wobei gerade die Qualifikationen für das Amt des Bischofs eine Tochter der Zeit zu sein scheinen. Denn im ersten Timotheus-Brief heißt es dazu: "Wenn einer das Amt eines Bischofs anstrebt, muss er ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet (...) kein Trunkenbold und Schläger, und ein guter Familienvater sein. Denn wer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie soll der sich um die Kirche Gottes kümmern?"

Frauen mit Vollmachten


Und auch wer Frauen hohe und höchste Funktionen in der Kirche zuweisen will, kann sich auf ein gefestigtes historisches Fundament berufen. So übten beispielsweise lange Zeit Äbtissinnen (also Obere in einem Frauenorden) bischöfliche Vollmachten aus, wachten über Pfarreien und besorgten die Seelsorge, ohne dass die Herde zu Schaden kam.

Erst 1970 wurde "der ganze Akt (der Bestellung von Äbtissinnen) auf eine harmlose Segnung der Äbtissin reduziert, um alles zu vermeiden, was irgendwie an die Weihe von Frauen erinnert hätte".

"In der Tradition und Geschichte der Kirche liegen zahlreiche Möglichkeiten bereit, die - kreativ angewendet - das Gesicht der Kirche entscheidend verändern könnten", schreibt Wolf. Bei der Synode Oktober wird sich weisen, ob die Zukunft der Kirche in ihrer Vergangenheit liegt.

Sachbuch
Hubert Wolf: Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. C.H. Beck, 231 Seiten, 20,60 Euro.