Oskar Josef Bschließmayer, 1922 in Gumpendorf geboren und besser bekannt als Oskar Werner, war der vielleicht größte österreichische Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Auf jeden Fall gehört er zu den unvergesslichsten Mimen deutscher Sprache - wer ihn zu seiner Blütezeit einmal gesehen hat, sei es auf der Bühne des Burgtheaters oder einer seiner Filmrollen, war fasziniert vom Timbre seiner Sprache, seinem jungenhaften und zugleich ätherisch wirkenden Auftreten sowie der insgesamt traumhaften Art seiner Erscheinung. Kein Wunder daher, dass Werner während der 1950er Jahre insbesondere in den Titelrollen von Stücken wie "Hamlet" oder "Prinz Friedrich von Homburg" brillierte.

Dramatische Fallhöhe

In der Literaturwissenschaft spricht man von der dramatischen Fallhöhe - wahrhaft tragisch geht es im Trauerspiel nur dann zu, wenn der Held aus der ihm gegebenen Position durch unverschuldete Umstände hinausfällt und in der Gosse landet. Just dies ist dem Ausnahmeschauspieler widerfahren, weil er dem Alkohol verfiel und sich zum Gespött machte, als er 1983 als körperliches Wrack in der Wachau letztmals öffentlich auf die Bühne trat. Der katastrophale Auftritt in seiner einstigen Paraderolle als Kleists Prinz von Homburg besiegelte endgültig den Ruf und die Karriere Werners. Bald darauf, im Oktober 1984, starb er, gebrochen, an einem Herzinfarkt.

Der Schauspieler Michael Degen war Augenzeuge des Wachauer Desasters und berichtet davon in seinem sensiblen Porträt Oskar Werners, das nun erschienen ist unter dem schönen Titel "Der traurige Prinz" (eine Anspielung auf die Rolle des Homburg).

Was Degen dazu trieb, die als "Katastrophe mit Vorankündigung" von einem voyeuristischen Publikum begierig erwartete Selbstzerlegung Werners zu besuchen, war alles andere als Schadenfreude. Einige Monate vorher hatte er nämlich auf Einladung Werners eine ganze Nacht lang in dessen herrschaftlichem Haus in Liechtenstein verbracht. Während der Hausherr Unmengen an Alkohol in sich hineinschüttete, führten die beiden Schauspieler ein zwischen Annäherung und Streit, persönlichem Bekenntnis und kalkulierter Provokation oszillierendes Gespräch.

Dass das eindringliche Buch von Degen ausdrücklich als Roman klassifiziert wird, war eine kluge Entscheidung, denn an alle Einzelheiten der nunmehr über 30 Jahre zurückliegenden Nacht kann er sich wohl kaum noch akkurat erinnern, zumal er selbst - von Werner animiert - ebenfalls ordentlich Alkohol zu sich genommen hatte. Auch vermag Degen so, wo nötig, Passagen zusammenzufassen und Hintergrundinformationen nachzuliefern.

Ein Schwieriger

Ob Oskar Werner wirklich jedes Wort so, wie es im Buche steht, gesagt hat, ist ebenso nicht wirklich relevant. Was zählt, ist, dass Degens Band uns einen unvergleichlichen Eindruck des sehr zu Recht als exzentrisch und schwierig geltenden Charakters des Schauspielers vermittelt.

"Der traurige Prinz" lässt miterleben, wie der offenkundig schwer depressive Werner zwischen Vertraulichkeit und Unverschämtheiten, Selbsteinsicht und Phantasiewelt schwankte, oder nach harmlosen Bemerkungen abrupt aufbrauste, um dann wieder ausgeglichen zu wirken. Wir erfahren, wie sehr die traumatischen Kindheitserlebnisse, die der junge Oskar im nationalsozialistischen Wien hatte, zu einem dezidierten Philosemitismus führten, während er zugleich den abscheulichen Opportunismus seines Mentors Werner Krauß ausblendete, weil er ihn trotz seiner politischen Verfehlungen allein als Schauspieler bewunderte.

Zu dem eindringlichen Psychogramm eines zerrissenen Menschen, das Degens Buch evokativ entwirft, gesellt sich dessen eigene Leidensgeschichte als Jude, der den Krieg unter grauenhaften Umständen im Berliner Untergrund notdürftig überlebte. Als Degen und Werner sich nach der langen Nacht verabschieden, beschwört dieser ihn: "Werden Sie nie so wie ich, nie!" Degen hat diesen Ratschlag beherzigt.

Michael Degen: Der traurige Prinz. Roman. Rowohlt Berlin, 2015, 256 Seiten, 20,60 Euro.