Der Schriftsteller Hans Raimund ist siebzig Jahre alt. Ein schöner Anlass für alle, die ihn kennen, ihm herzlich zu gratulieren und für seine literarische Arbeit zu danken. Für jene aber, welche Hans Raimund noch nicht kennen, ist’s eine treffliche Gelegenheit, ihn kennen zu lernen. Wer die Gelegenheit ergreifen will, dem hat der Autor in kluger Voraussicht einen dazu passenden Schopf bereitgestellt, in Gestalt eines Raimund-Digest, der aufschluss- und einblickreiche Texte autobiographischer Natur enthält. (Und da der Digest zweisprachig erscheint, nämlich auch in englischer Übersetzung, entfaltet sich die Gelegenheit ins Internationale.)

Hans Raimund ist am 5. April 1945 im niederösterreichischen Petzelsdorf bei Purgstall auf die Welt gekommen. Aufgewachsen aber ist er im Nachkriegs-Wien, bedrückt (wie er selbst sagt) "durch die rigide Erziehung in einer kleinbürgerlichen Familie", deren Methoden verschärft wurden durch die unerschütterliche Nazigesinnung seines Vaters. In dem Bericht "Totstellen" hat Raimund (wie Karl-Markus Gauß sagt) "mit nüchterner Verzweiflung dargelegt, was diese Herkunft für ihn bedeutete: Stellvertretend musste er jene Scham durchleben, zu der der Vater, einsichtslos bis in den Tod, weder willens noch fähig war".

Sesshafter Nomade

Nach der Matura im Realgymna-sium der Theresianischen Akademie studierte Hans Raimund an der Universität Wien Musik, Anglistik und Germanistik. Von 1972 bis 1984 unterrichtete er als AHS-Lehrer an Wiener Schulen, von 1982 bis 1985 gehörte er dem Redaktionsteam der niederösterreichischen Literaturzeitschrift "das pult" an. 1973 verunglückte Raimunds erste Frau tödlich; ihr zum Gedächtnis schrieb er den Lyrikband "Trauer träumen". 1975 fand er eine neue Lebensgefährtin, Franziska. Mit ihr zusammen übersiedelte er 1984 nach Duino bei Triest; bis 1997 unterrichteten beide am United World College Adriatic. Dann kehrten sie nach Österreich zurück und leben seitdem im burgenländischen Hochstraß, in einem alten Bauernhaus.

Hans Raimund, der sich "bevorzugt in Grenzregionen ansässig" macht "und eine randständige Position im Literaturbetrieb" einnimmt (Gauß), bezeichnet sich selbst so: "ich bin ein durch anerzogene Sesshaftigkeit verdorbener Nomade". Ach ja, die Erziehung nach 1945. Lange Zeit hat der junge Hans Raimund gehofft, durch seine Mutter "von den Zigeunern abzustammen". Denn deren Mutter war eine Dienstmagd aus dem Grenzgebiet zwischen Steiermark und Slowenien gewesen. "In meiner Kindheit, als ich dort ein paar Sommer lang die Ferien verbrachte, zogen noch regelmäßig die Zigeuner durch diese Gegend. So entstand schon früh in mir die Vorstellung, unter meinen Ahnen Fahrende zu haben: Roma oder Sinti . . ."

Die Vorstellung dürfte später abgesagt worden sein, jedenfalls wurde aus Hans Raimund ein grundbeständiger Mann. Und folglich "ein widerwilliger Reisender". - "Alles in mir wehrt sich gegen das Neue, das Ungewohnte, Unvertraute." - Dazu kommt die Sorge um seine Hunde, die er nicht verlassen und keinem Fremden anvertrauen will. Apropos Hunde. Sie haben Hans Raimund, wie er sagt, "als Mensch und Autor einiges beigebracht: die instinktive Bescheidung auf einen überschaubaren Bereich und die tägliche, unermüdliche, nie gelangweilte, nie routinierte, gründliche Auseinandersetzung damit. Das lange geduldige Schnuppern der Hunde lehrte mich den langen geduldigen Blick des Lyrikers auf die Objekte . . ."

Blick des Lyrikers

Hans Raimunds Publikationsgeschichte beginnt 1981 mit dem Prosaband "Rituale". Bis heute sind drei weitere Prosabände gefolgt: "Trugschlüsse" (1990), "Das Raue in mir" (2001) und "Vexierbilder" (2007). Außerdem hat Raimund seit den 1990er Jahren Prosa und Lyrik ins Deutsche übersetzt, vorwiegend aus dem Italienischen, etwa Gesualdo Bufalino "Klare Verhältnisse", Gerardo Vacana "Grubengaul/Cavallo di miniera", Virgilio Giotti "Kleine Töne, meine Töne/Pice note, mie note".

Das Wichtigste sind aber seine Gedichtbände: "Auf Distanz gegangen" (1985), "Der lange geduldige Blick" (1989), "Kaputte Mythen" (1992), "Du kleidest mich in Licht" (1994), "Strophen einer Ehe" (1994), "Porträt mit Hut" (1998), "Trauer träumen" (2004), "Er tanzt/Improvisationen" (2007), "Choral Variationen" (2011).

Das Herz seines poetischen Talents schlägt lyrisch. Nirgendwo anders als in Versen kommen die Gefühle reiner, die Gedanken klarer zu Wort. Im Versrhythmus pulsiert der Wider-Klang der Welt-Betrachtung. "Den Musiker unter den österreichischen Lyrikern unserer Zeit" nennt Karl-Markus Gauß, schön und trefflich, Hans Raimund. Schön und aufschlussreich ist es zu verfolgen, wie der Dichter im Lauf seiner Entwicklung neue Strukturmittel findet, andere Gestaltungswege beschreitet. Getrieben von der Lust wie der Notwendigkeit, seiner Eigen-Art gerecht zu werden, wie’s so richtig im Gedicht "Poetik" heißt: "Ist doch der Ton das Ausschlaggebende".