Der erste Standort der Universität Wien: das Herzogskolleg (Miniatur aus Kodex 2765 der ÖNB "Rationale Divinorum Officiorum" des Gulielmus Durandus, entstanden zwischen 1385 und 1404). - © /Archiv Univ. Wien
Der erste Standort der Universität Wien: das Herzogskolleg (Miniatur aus Kodex 2765 der ÖNB "Rationale Divinorum Officiorum" des Gulielmus Durandus, entstanden zwischen 1385 und 1404). - © /Archiv Univ. Wien

Wien. Auch Massenuniversitäten haben klein angefangen. Die vor 650 Jahren, im März 1365, vom bald darauf verstorbenen Herzog Rudolf dem Stifter gegründete Universität Wien erhielt 1384 von Herzog Albrecht III. ihr erstes Gebäude, das Herzogliche Kolleg (Collegium ducale), heute Postgasse 7-9, neben dem Dominikanerkloster. Rudolf hatte ein Campus-Projekt nahe der Burg geplant: Die "Pfaffenstadt" zwischen Minoriten- und Schottenkloster sollte ein eigenes Universitätsviertel werden. Unter Albrecht wurde die Alma mater freilich "in eine städtische Randposition" im weniger noblen Stubenviertel verlagert, schreibt der Historiker Kurt Mühlberger im neuen Band "Stätten des Wissens".

Dieses Buch schließt in den Augen seiner Herausgeber, des Zellgenetikers Dieter Schweizer und der Kunsthistorikerin Julia Rüdiger, eine Lücke. Es stellt neben die vielen Publikationen zum Uni-Jubiläum, das Schweizer im Auftrag des Rektors wissenschaftlich betreut, eine Verbindung der Entwicklung der Universität mit ihrer Baugeschichte. Die im Lauf der Zeiten errichteten Gebäude stellen, so Schweizer bei der Präsentation des Bandes, ein "gebautes Unternehmensleitbild" dar, sind "mehr als nur Behausungen oder reine Funktionsbauten".

Heute 73 Standorte


In den Standorten und Gebäuden der Wiener Universität spiegeln sich die Entwicklungen dieser Institution, aber auch der Architektur, der Wissenschaften und der Stadt über mehrere Jahrhunderte. Das führen 14 kompetente Autoren in 23 Kapiteln aus.

Bis ins 18. Jahrhundert prägte der katholische Glaube das Universitätsleben, wobei bis zur Aufklärung der Jesuitenorden die dominierende Rolle spielte, insbesondere im Bereich der Theologie und der Philosophie. Das zeigte sich auch in der baulichen Einheit der Universität mit dem Jesuitenkolleg am heutigen Ignaz-Seipel-Platz, wobei neben der Kirche der große Theatersaal eine zentrale Funktion innehatte. Noch an diesem Platz wurde 1756 durch Maria Theresia die Neue Aula mit ihrem prächtigen Festsaal eröffnet, sie wurde ein Jahrhundert später Sitz der Akademie der Wissenschaften.

Den Bedeutungszuwachs der Medizin machte der josephinische Baukomplex sichtbar, der das 1784 eröffnete Allgemeine Krankenhaus, das Garnisonsspital, den Narrenturm und das Josephinum umfasste und zur Heimstätte der weltberühmten Wiener Medizinischen Schule wurde. Seit 1998 ist das alte AKH ein vor allem von den Kulturwissenschaften genützter Universitäts-Campus.

Als erster Universitätsbau nach 1848 zeugt das Chemische Institut an der Währinger Straße vom Aufschwung der Naturwissenschaften. Mit der Neugestaltung der Stadt ging Heinrich von Ferstels Bau des Universitätshauptgebäudes an der Ringstraße einher.

Insgesamt 73 Standorte umfasst die heutige Universität, auf alle wird eingegangen. Sternwarte und Botanisches Institut sind ebenso dabei wie das Neue Institutsgebäude, das Juridicum, das Biozentrum, das Sportzentrum auf der Schmelz oder das neue Gebäude für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften am Oskar-Morgenstern-Platz, wo das Buch "Stätten des Wissens" präsentiert wurde - ein ebenso ansehnlicher wie informativer Band mit viel Bildmaterial und etlichen bisher unveröffentlichten Plänen.

Wie fühlten sich wohl die Studierenden in all diesen Epochen? Das versucht das Buch "1365 - 2015 - 2065" in 14 Etappen darzustellen - beginnend mit dem Artistenstudenten Johann im Februar 1388, endend mit ein bisschen Science-Fiction, nämlich mit Winona, die 2065 an der Uni Wien das Studium "Kulturwelten" bucht und doch im heimatlichen Radkersburg bleiben kann. Aber auch die historischen Kapitel sind nur fiktiv, wenn auch der Inhalt sehr lebendig erzählt wird und, wie viele Fußnoten belegen, wissenschaftlich untermauert ist.