Reinhard Kaiser-Mühlecker ist kein Debütautor, der Erzählband "Zeichnungen" ist jedoch sein erstes Buch im S. Fischer Verlag. Der 1982 in Kirchdorf an der Krems geborene Schriftsteller, dessen Werke zuvor bei Hoffmann und Campe erschienen sind, gehört zur mittlerweile seltenen Spezies österreichischer Autoren, die den Sprung auf den deutschen Buchmarkt sofort geschafft haben. Seine Bücher wurden von der Kritik durchweg mit Lob bedacht. Mit dem ausgreifenden Familien-Epos "Roter Flieder" (2012) / "Schwarzer Flieder" (2014) hat Kaiser-Mühlecker nicht weniger erschaffen als einen eigenen literarischen Kosmos, der um den fiktiven oberösterreichischen Ort Rosental kreist, welcher auch den Hintergrund für die Handlung der Geschichten in "Zeichnungen" liefert.

Zunächst wird von einem umherreisenden Anlageberater erzählt, der beruflich versagt, von seiner Frau verlassen wird, in ein Motivationsloch fällt, dann aber wieder einen Job als Paketzusteller antritt. Kaum scheint sich sein Leben zu stabilisieren, geschieht ein schwerer Unfall. Allerdings fügt sich doch wieder alles zum Besseren und am Ende gelingt dem Erzähler eine überraschende Einsicht, die sein Leben verändert.

Kaiser-Mühlecker erzählt stets mit einfühlsamer Haltung von seiner Figur und ihrem teils traumhaften Detachement von der Welt des Realen, bevor die Wirklichkeit wieder zuschlägt. In der zweiten Geschichte gibt ein alter Mann sein Leben gegenüber einem Zuhörer zu Protokoll, der dem Erzählten erst ablehnend, dann fasziniert gegenübersteht. Hier greift Kaiser-Mühlecker bis in die Kriegszeit zurück und spielt mit dem Versprechen, eine Liebesgeschichte präsentiert zu bekommen, die sich jedoch als etwas gänzlich anderes herausstellt.

Die dritte, titelgebende Erzählung hat das Zeug zum Roman. In einer Binnengeschichte wird erneut eine Lebensbeichte abgelegt. Der Erzähler berichtet darin vom gescheiterten Versuch, sein Schicksal selbst zu bestimmen: Als er erkennt, dass er nicht wirklich der Sohn seines Vaters ist, verlässt er seine wohlhabende Familie, um auf eigene Faust sein Glück zu machen. Dank einer Mischung aus Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit gelingt ihm dies auch; er macht durch geschickte Schachzüge berufliche Karriere und steigt in die Oberschicht einer Kleinstadt auf. Doch auch hier ereignet sich eine unvorhergesehene, wahrlich tragische Wendung, die ihm den Boden unter den Füßen wegreißt.

Das Motiv der Vaterschaft, genauer gesagt: die verleugnete Schuld der Väter und die bitteren Konsequenzen für die Söhne ziehen sich wie rote Fäden durch die drei Texte. Kaum anders als in früheren Büchern also. Wer will, darf dies politisch lesen mit Blick auf die historische Altlast einer Gesellschaft, die sich weigert, ihren Fehlleistungen ins Gesicht zu sehen. Doch Sprachlosigkeit, Verschweigen und Verdrängen besitzen bei Kaiser-Mühlecker stets auch eine archaische Dimension.

Was die Lebensläufe seiner (Anti-)Helden destabilisiert, sind Muster, die über das Individuelle hinausweisen. Mit sprachlicher Sicherheit versteht der Autor dabei einen literarischen Ton anzuschlagen, der nicht auf aktuelle Zeitgenossenschaft schielt, sondern sich bewusst in einer Grenzzone zwischen Gegenwart und Überzeitlichkeit ansiedelt. Eine literarische Welt, in die wir uns hoffentlich bald wieder in Form eines Romans werden begeben können.