"Wiener Zeitung": Frau Perloff, wir leben in einer multikulturellen Welt mit vielen Sprachen. Können wir mit dieser globalen Vielsprachigkeit umgehen?

Marjorie Perloff: Ich glaube, der Ausdruck "global" ist eigentlich nicht viel mehr als ein Wort. Die meisten meiner Bekannten in Amerika sprechen überhaupt keine Fremdsprache, und man muss auch nicht davon ausgehen, dass unsere Studenten zum Beispiel über Österreich irgendetwas wissen. In meinem neuen Buch, "The Edge of Irony", behandle ich das Ende des alten Österreich im Ersten Weltkrieg. Das ist für das amerikanische Publikum sehr weit weg. Die meisten Menschen wissen zwar noch, dass Deutschland damals gegen England und Frankreich gekämpft hat, aber sie haben keine Ahnung, welche Rolle Österreich gespielt hat. Sie wissen nicht einmal, dass es hier ein großes Reich gegeben hat. Das kommt daher, dass man heutzutage in den USA die europäische Geschichte kaum noch studiert.


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"Wien ist eine so schöne, elegante Stadt, mit der ich mich verbunden fühle." Marjorie Perloff vor Beginn des Interviews im Foyer des Hotels Regina. Foto: Josef Polleross
"Wien ist eine so schöne, elegante Stadt, mit der ich mich verbunden fühle." Marjorie Perloff vor Beginn des Interviews im Foyer des Hotels Regina. Foto: Josef Polleross

Meinen Sie, dass das in Europa anders ist?

Ja, in Europa ist die Geschichte der Weltkriege natürlich viel näher. Und Wien ist doch ein Kreuzpunkt zwischen Westen und Osten; da ist die europäische Geschichte wichtig. Das kann man mit den USA nicht vergleichen.

Auf Youtube ist eine Vorlesung von Ihnen über die Vielsprachigkeit der Lyrik zu sehen. Sie beginnen da mit den modernen Klassikern T. S. Eliot und Ezra Pound und kommen dann zu neueren Beispielen, um zu zeigen, dass die avantgardistische englischsprachige Lyrik mit Zitaten aus unterschiedlichsten Sprachen arbeitet. Aber wer soll diese komplexen Gedichte lesen, wenn die allgemeine Sprachkompetenz so schwach ist, wie Sie sagen?

Man muss nicht alle Sprachen können, um vielsprachige Gedichte zu genießen. Ezra Pound hat in seinen "Cantos" zum Beispiel chinesische Schriftzeichen verwendet. Die kann ich auch nicht lesen, aber der Witz besteht darin, dass er die Ideogramme normalerweise im nächsten Satz selber erklärt! Also, die Dichter dürfen schon eine "Mongrel"-Sprache benutzen, wie wir auf Englisch sagen.

Sprachliche Vielfalt der Moderne: Der Ire Samuel Beckett schrieb "Warten auf Godot" zunächst auf Französisch. (Hier ein Szenenfoto aus einer New Yorker Aufführung von 1996.) .Robert Maas/ Corbis
Sprachliche Vielfalt der Moderne: Der Ire Samuel Beckett schrieb "Warten auf Godot" zunächst auf Französisch. (Hier ein Szenenfoto aus einer New Yorker Aufführung von 1996.) .Robert Maas/ Corbis

Ein "Mongrel" ist eine "Promenadenmischung". Sind alle Dichter solche Mischwesen?

Nein. Paul Celan zum Beispiel, über den ich in meinem neuen Buch auch ein Kapitel geschrieben habe, meinte, ein Dichter könne nur in seiner Muttersprache schreiben. Er beherrschte mehrere Sprachen und hat sehr schöne Übersetzungen aus dem Englischen, Italienischen und Russischen gemacht. Aber gedichtet hat er nur auf Deutsch. Pound und Eliot dagegen wollten zeigen, dass sie andere Sprachen für einen poetischen Effekt nützen können. Das beginnt mit Griechisch und Latein . . .

. . . .was damals im Gymnasium noch gründlich gelernt wurde.

Ja, das konnten sie gut. Aber interessanterweise hat Eliot niemals die Bibel auf Hebräisch zitiert. Ich habe einige Engländer gefragt, warum Bibelzitate bei Eliot immer nur auf Englisch vorkommen, und sie sagten selbstsicher, "wir haben eben unsere King-James-Bible" - als ob die Bibel auf Englisch geschrieben worden wäre.

Hat Eliot denn Hebräisch gekonnt?

Nein, die Sprache der Juden sicher nicht, aber er hat in "The Waste Land" zum Beispiel einige Brocken Sanskrit zitiert, obwohl er das auch nicht wirklich konnte. Also, es ist ganz interessant zu sehen, welche Sprachen von den polyglotten Dichtern prinzipiell nicht benutzt werden.

Im Deutschen ist seit einigen Jahrzehnten das Englische die einzige Fremdsprache, die wirklich präsent ist.

Das kommt vom Internet und von den Computern. Wie sagt man "Computer" auf Deutsch?

Es gibt das Wort "Rechner", aber das benutzt kaum jemand. Die englischen Wörter setzen sich meistens durch.

Sehen Sie, deshalb war ich vor einigen Jahren noch optimistischer, was die Vielsprachigkeit in der Welt angeht. Ich dachte, wir könnten alle mehrere Sprachen lernen. Aber heute gilt, zumindest in den USA: Wenn es nicht auf Englisch ist - forget it!

Denkt man auch an der Universität so?

Ja. Ich hatte eine Schülerin, die aus Deutschland nach Amerika gekommen ist, als sie ungefähr 25 war. Jetzt ist sie Professorin und beschäftigt sich mit ökologischen Problemen. Sie spricht nur Englisch und man merkt ihr nicht an, dass sie einmal Literatur studiert hat. Vor kurzem ging es um Berufungsfragen an der Universität von Los Angeles, und da meinte sie, die Germanistik brauche kein weiteres Lehrpersonal, weil Deutschland so ein kleines, unbedeutendes Land sei. Das sagt sie, die aus Deutschland stammt! Aber auch die sogenannten "postcolonial Studies", die sich mit Kulturen in Afrika und Asien beschäftigen, finden fast alle nur auf Englisch statt.

Wir Europäer stellen uns ja gerne vor, wir seien das große, alte Weltzentrum der Bildung und der Kultur. Ist diese Vorstellung noch gerechtfertigt?

Also, ich glaube natürlich schon, dass das so ist. Aber die "Asian Americans" und Latinos haben zurzeit eine starke Stimme in der amerikanischen Kultur, auch dadurch bewegt sich das öffentliche Interesse von Europa weg. Deutsche Literatur heißt gewöhnlich vor allem Walter Benjamin und Theodor Adorno. Das sind die beiden Hausheiligen der amerikanischen Kulturwissenschaft (lacht). Sonst kennt man noch ein bisschen Brecht und die Hauptideen von Kant, Hegel, Nietzsche und Marx - aber natürlich wird das alles nur auf Englisch gelesen. So wie Freud.