Die internationale Militärpatrouille hieß im Volksmund nur "Die Vier im Jeep". - © Weishaupt Verlag
Die internationale Militärpatrouille hieß im Volksmund nur "Die Vier im Jeep". - © Weishaupt Verlag

Ihnen verdankt Österreich die Befreiung vom Nationalsozialismus: den Soldaten der alliierten Streitkräfte aus den USA, der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich. Heuer wird des Kriegsendes am 8. Mai 1945 und des Abschlusses des Staatsvertrages am 15. Mai 1955 gedacht. Für Rolf M. Urrisk-Obertynski, Brigadier in Ruhe, lag es da nahe, an das Jahrzehnt dieser ausländischen Militärpräsenz zu erinnern. Daher publizierte er schon heuer den für dieses Thema vorgesehenen 6. Band der von ihm herausgegebenen Reihe "Wien - 2000 Jahre Garnisonsstadt", die auf insgesamt sieben Bände angelegt ist. Somit liegen nun die drei ersten Bände und der vorgezogene sechste Band vor, reich bebilderte Fundgruben für jene, die sich mit der Militärgeschichte der Bundeshauptstadt befassen wollen.

Dem in viele Abschnitte - mit dem simplen Leser unverständlichen Zahlenbezeichnungen - gegliederten Buch stehen Texte des österreichischen Außenministers sowie der Botschafter der damaligen Alliierten voran. Bei der Präsentation im Wiener Haus der Industrie, dem einstigen Sitz des Alliierten Rates, herrschte in Anwesenheit hoher Vertreter der Signatarstaaten bei Musik und Eintopfgerichten aus diesen Ländern eine amikale "Staatsvertragsstimmung".

Urrisk und die Mitautoren Matthias Markl, Hubert Prigl und Paul Vaszarics führen an die Orte, die damals in Wien eine militärische Rolle spielten, und rücken dabei auch politische Hintergründe und Alltagsleben ins Blickfeld. Sie schildern, wie um die Einteilung der Besatzungszonen im Raum Wien gerungen wurde, wie gegenseitiges Misstrauen das Klima beeinflusste, wie die Beschlagnahme von Objekten - von fast 7800 ist die Rede - erfolgte.

Neben dem Haus der Industrie waren vor allem die Kommandozentralen wichtige Adressen. Die Amerikaner sicherten sich als Hauptquartier das Gebäude der Österreichischen Nationalbank, die Briten das Schloss Schönbrunn, die Sowjets das Hotel Imperial, die Franzosen mussten mit dem späteren Kommandogebäude General Körner in Breitensee, das in der NS-Zeit eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) beherbergt hatte, vorliebnehmen. Daneben gab es noch Stadt- und Bezirkskommandanturen. Während die einfachen Soldaten in Kasernen untergebracht waren, residierten die alliierten Hochkommissare in geräumigen Villen am Stadtrand, die Offiziere in städtischen Palais oder Hotels.

Am Sitz der Wiener Interallierten Kommandantur, dem Justizpalast am Schmerlingplatz, kam es allmonatlich zur Kommandoübergabe mit Wachablöse und täglich zur Überprüfung der Interalliierten Militärpolizeipatrouillen, denen jeweils ein Vertreter jeder Besatzungsmacht angehörte. Der dafür geläufige Name "Die Vier im Jeep" traf genau genommen nur bis Oktober 1946 zu, denn danach kamen andere Fahrzeugtypen zum Einsatz. Pointiert schildert das Buch, welche Sprachprobleme es dabei geben konnte: "Ein Amerikaner, der Russisch versteht, übersetzt einem französisch sprechenden Engländer, was der Russe dem Franzosen sagen will!"

Propaganda und Militärgeld


Im Buch erfährt man aber noch viel anderes Interessantes, etwa von der Propaganda und Informationsarbeit der Alliierten, von den von ihnen betriebenen Medien und Sendern, von Zensurversuchen seitens der Sowjets. Man liest von alliiertem Militärgeld in der ersten Nachkriegszeit und vom damaligen Zustand der Bahnhöfe und Flugplätze. Urrisk und sein Team lassen auch nicht unbeachtet, wo die Alliierten gesundheitlich und seelsorglich betreut wurden, wo sie ihre Freizeit verbrachten, dass sie gratis die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen durften und welche steinernen Spuren sie - etwa in Form von Friedhöfen oder Gedenktafeln - im Land hinterlassen haben.

Sachbuch

Die vier Alliierten 1945-1955 (Band 6 der Reihe: Wien 2000 Jahre Garnisonsstadt)

Rolf M. Urrisk-Obertynski (Hg.)

Weishaupt, 376 Seiten, 58 Euro