Nach vielen Romanen wie "Flauberts Papagei", "Als sie mich noch nicht kannte" oder "Arthur und George" erschien 2008 Julian Barnes Buch "Nichts, was man fürchten müsste", eine sehr kluge, sehr persönliche und sehr kenntnisreiche Umkreisung des Todes mit einem ernsten, doch beinahe spielerischen Ende. Im selben Jahr starb überraschend seine Frau Pat Kavanagh an einem Hirntumor. Fünf Jahre später veröffentlichte der zurecht hochgelobte Romancier sein Buch "Levels of Live", das nun unter dem Titel "Lebensstufen" auch auf Deutsch zu lesen ist; eine wiederum sehr kluge, sehr persönliche und sehr kenntnisreiche Umkreisung des Todes, - nur eben nicht mehr des eigenen.

Es ist trotz seiner nur 140 Seiten ein einzigartig vielseitiges Buch über Ballonfahren und Fotografie, über Trauer und Liebe. Und wenn auf ein Werk Begriffe wie "sachliche Literatur" oder "literarisches Sachbuch" passen, dann gewiss auch auf "Lebensstufen".

Ein dreiflügeliger Altar

Barnes gestaltet das Buch wie einen kleinen, dreiflügeligen Altar für die Hauskapelle. Der linke Flügel ist der erste Teil des Buches, "Die Stunde der Höhe", in dem Ballonfahren und Fotografieren im 19. Jahrhundert als emanzipatorische und befreiende Entwicklungen des Menschen beschrieben werden. Nadar, der umtriebige, geniale und durch Jules Verne allgemein bekannt gebliebene Fotograf spielt hier eine große Rolle, aber auch Sarah Bernhardt und der britische Abenteurer Colonel Fred Burnaby: allesamt Ballonfahrer.

Der Schrein in der Mitte wäre der zweite Teil, "Auf ebenen Bahnen", in dem besonders die Liebesgeschichte zwischen Fred Burnaby und Sarah Bernhardt behandelt, ja geradezu filmisch ausgemalt wird.

Der rechte Flügel des Altars, "Der Verlust der Tiefe", schildert Julian Barnes’ Trauer-Erfahrungen, die er sehr genau, sehr reflektiert und ohne falsche Scham ausbreitet.

Gerade weil "Lebensstufen" als literarisches Sachbuch über die Trauer erst im dritten Teil spricht, das Schreckliche erträglich macht, indem der Autor sich unmerklich an das Thema heranschleicht, kann es viele Menschen ansprechen, nicht nur Trauernde. Außerdem verbindet Barnes die drei Teile, indem gemeinsame Motive, Personen und Themen ein durchgehendes feines Muster bilden.

Schon der Trost, den ebensolche Muster als Ordnungsprinzipien für uns bieten, ist so ein Thema. Dazu Höhe, Ebene und Tiefe als unverzichtbare Lebensmetaphern und existenzielle Lebenserfahrungen. Dann das scheinbar schlichte Zusammenbringen von zwei Dingen, die eine neue Lebensstufe ermöglichen, individuell und menschheitsgeschichtlich: wie das Fotografieren aus dem Ballon heraus oder eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen. So schreibt Barnes über die Glücksgefühle Colonel Burnabys, der eine Zeit lang als Geliebter der berühmtesten Schauspielerin seiner Tage, eben Sarah Bernhardt, verbringt: "Er hörte sich leben." Über sich selbst aber schreibt er, dass er nach dem Tod seiner Frau sich nicht mehr leben hörte, den inneren Kompass verloren habe, in einer eigenen Schmerzwelt lebe, deren Kartographie er in "Lebensstufen" entwirft.

Wie Barnes sein schneidendes Leid als Trauernder beschreibt, seine Leere, Empfindlichkeit, Wut auf Banales oder Freunde, die aus falscher Pietät seine gestorbene Frau im Gespräch ausblenden, das beeindruckt. Der Autor macht damit all jenen Mut, die sich dem modischen Diktat entziehen, nach dem Tod eines geliebten Menschen bald wieder funktionieren zu sollen.

Er thematisiert sehr klar die Fallen tiefer Trauer, so etwa das Selbstmitleid, die Abkapselung oder den Dünkel, in seinem Leid etwas Besonderes zu sein. Aber er macht genauso klar, dass niemand das Recht hat, Trauernde zu pathologisieren, die - laut oder leise - mit ihren gestorbenen Partnern sprechen. Er selbst tut es täglich, und er erwähnt Bekannte, Freunde, Künstler alter Zeiten, die es viele Jahre nach dem Tod des Partners noch tun.

Kein Trauer-Ratgeber

Dann ist da noch die in allen drei Teilen vorhandene philosophische und moralische Seite von "Lebensstufen". In typisch englischer Tradition und als moderner Atheist widmet sich Barnes diesen Fragen durchaus pragmatisch. So versteht er das Buch als Gegenteil eines Ratgebers, ist Trauern doch, wie er betont, stets individuell.

Aus Büchern, weiß er, kann man nichts über "erfolgreiches Trauern" - "was auch immer das sein soll" - lernen. Durch die Basis der beiden vorangegangenen Teile gewinnen seine Trauerleben-Details jedenfalls an Höhe, Tiefe und Weite. Ob es um seinen geradezu als natürlich empfundenen Selbstmorddrang geht oder um das plötzliche Verständnis der speziellen Qualität von Opern, ob er seine beinahe asoziale Empfindlichkeit gegenüber dem Alltag der anderen beschreibt oder seine Betäubungsversuche durch uninteressante Sportsendungen.

Auf der letzten Seite, bis dahin ist ihr Name nicht ein einziges Mal genannt worden, springt den Leser plötzlich das Bild Pat Kavanaghs an, eine kleine, schlichte Hommage darunter. Ein wenig unheimlich, aber sehr klar und überaus berührend.

Julian Barnes

Lebensstufen

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 143 Seiten, 17,50 Euro.