So sah die legendäre Oona O’Neill als Teenager aus, als sich der ebenso legendäre J. D. Salinger unsterblich in sie verliebte. Foto: Corbis
So sah die legendäre Oona O’Neill als Teenager aus, als sich der ebenso legendäre J. D. Salinger unsterblich in sie verliebte. Foto: Corbis

Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? Bei den Brüdern Grimm ist es Schneewittchen. Bei Frédéric Beigbeder ist es Oona: "Beachten Sie Ihre Gene-Tierney-Frisur (die Strähne mit Scheitel an der Seite, die freie Stirn), ihre strahlend weißen Zähne und die feste Halsschlagader, die ihr Vertrauen ins Leben zeigt. Die Tatsache, dass dieses Mädchen gelebt hat, macht Mut."

Tatsächlich hat die strahlende junge Frau, deren Fotografie Beigbeder im Mai 2007 in einer Cafeteria in New Hampshire entdeckt, gelebt. Die "entzückende Tote", deren "mystische Schönheit" offenbar nicht nur ihre Zeitgenossen in Bann schlug, wurde 1925 auf den Bermudas geboren, und ist 1991 in der Schweiz gestorben.

Die Vielbewunderte


Ihr Name war Oona O’Neill. Und, ja, ihr Leben hatte durchaus etwas Märchenhaftes. Sie kam als Tochter eines berühmten Mannes, des Dramatikers Eugene O’Neill, zur Welt. Und sie wurde die Frau eines noch berühmteren Mannes: Oona O’Neill war die vierte Frau von Charlie Chaplin, den sie mit 18 heiratete, dem sie acht Kinder gebar, und an dessen Seite sie lebte, bis er 88-jährig starb.

Aber bevor sie die Frau von Chaplin wurde, hat Oona O’Neill - bildhübsch, von der Society bewundert, blitzgescheit, und dabei doch sympathisch schüchtern - in New York einem 21-jährigen angehenden Schriftsteller den Kopf so verdreht, dass der - so Beigbeder - lebenslang nicht darüber hinwegkam. Der temporär Überglückliche, der 1940 das Pech hatte, sich in die fünfzehnjährige Oona zu verknallen, war Jerome David Salinger. Jener legendäre Salinger, der 1951 Weltruhm erlangte, nie Interviews gab und die letzten Jahrzehnte seines Lebens völlig zurückgezogen in New Hampshire lebte.

Den frühen Rückzug aus dem literarischen Betrieb konnte sich Salinger leisten: Vom "Fänger im Roggen" werden, Jahr für Jahr, rund eine Million Exemplare verkauft. In der Figur des sensiblen Schülers Holden Caulfield erkennen sich seit Generationen Heerscharen von Jugendlichen und Aussteigern wieder. Wie die Abgründe seiner Figuren mit den Abgründen unserer Gesellschaft zusammenhängen, konnte Salinger so gut wie kaum jemand beschreiben. Aber wie sahen seine eigenen Abgründe aus? Welche Rolle hat Oona in seinem Leben gespielt? Hat sie ihn zum "Fänger im Roggen" inspiriert?