Die Vorstellung hält sich derart hartnäckig, dass am Ende vielleicht doch etwas dran ist. Die Steiermark, so ist oft zu hören & lesen, sei ein für die Literatur besonders fruchtbarer Boden. Ein Biotop, in dem das Moderne, Experimentelle, gegen den Strich Gebürstete besonders gut gedeihe. Und als Beleg werden dann die Heroen der vergangenen Zeit herbeizitiert: Wolfgang Bauer, Gunter Falk, Reinhard P. Gruber, Alfred Kolleritsch, Barbara Frischmuth, Werner Schwab, Gerhard Roth. Und ja, natürlich, warum auch nicht: Mürzzuschlag, Jelinek, Nobelpreis. Ende nie, aber alles irgendwie schon Literaturgeschichte oder zumindest ihr Sediment.

Dass allerdings auch unter Autoren, die erst an der Schwelle zur überregionalen Bekanntheit stehen, auffallend viele aus der Steiermark stammen, befeuert den Mythos vom besonders nährreichen steirischen Literaturboden aufs Neue. Um das schwerste Geschütz gleich vorab aufzufahren: Zumindest einen gibt es, bei dem die Zuschreibung als "erst an der Schwelle zur überregionalen Bekanntheit stehend" sträflich untertrieben ist: Erfolgsautor Thomas Glavinic stammt zwar aus Graz, als genuinen Literatur-Steirer kann man ihn aber dennoch kaum durchgehen lassen. Spätestens seit er in aller Öffentlichkeit zum Rapid-Fan konvertierte und das auch noch damit begründete, dass er sich bei seinem letzten Besuch auf einem steirischen Fußballplatz unter Leuten wiederfand, "deren Sprache ich kaum noch verstand", hat er sein grün-weißes Heimatrecht verwirkt (auch wenn er es - zumindest am Fußballplatz - gegen ein anderes grün-weißes getauscht hat).

Obertonsänger

Noch mehr disqualifiziert ihn als echt steirischen Literaten aber etwas anderes: Wer als ein solcher gelten will, darf ruhig erfolgreich sein, sogar so erfolgreich wie Glavinic. Was er aber nie, niemals und unter keinen Umständen darf: dem narrativen Mainstream angehören. Denn die steirische Literatur will anders sein. Und zwar aus Prinzip. Schreibt die ganze Welt gerade Prosa, schmiedet der Steirer verbissen Verse. Ist hingegen Lyrik angesagt, holen steirische Autoren ihre Romanfragmente aus der Schublade.

Clemens Setz, 32-jähriges "Wunderkind" mit dem Bildungsschatz eines alten Mannes, Obertonsänger und Ex-Mathematikstudent, erfüllt das Kriterium der stets betonten Andersartigkeit perfekt. Deshalb ist er, anders als der Wahlwiener Glavinic, auch ganz eindeutig Teil der steirischen Literaturwelt. Ein hochdekorierter obendrein: Ernst-Willner-Preis beim Bachmann-Wettbewerb, Literaturpreis der Stadt Bremen, Preis der Leipziger Buchmesse, Literaturpreis des Kreises der deutschen Wirtschaft. . .

Den letztgenannten hat Glavinic zwar auch einmal bekommen. Ansonsten liegt Setz in Sachen Auszeichnungen und deren Renommee aber längst klar voran. Was stimmig ist. Denn geht man von der zwar bösen, aber doch irgendwie auch zutreffenden Unterscheidung aus, wonach es einerseits sogenannte Kritikerautoren gibt, die von Kritik und Literaturwissenschaft hoch geschätzt werden, vom Publikum aber missachtet, und Publikumsautoren, die die Kritik zwar nicht liebt, die Leser aber schon, dann ist der prototypische steirische Autor eindeutig ein Kritikerautor. Wie zum Beispiel Clemens Setz. Iris Radisch erklärte ihn in der "Zeit" zur "größten Hoffnung der deutschen Gegenwartsliteratur", während Richard Kämmerlings in der "Welt" überhaupt gleich vom "größten Genie der jüngeren Literatur" schrieb.

Selbstbetrachtung

Dass Setz’ Romane trotz unzähliger Sprachpirouetten und enzyklopädischem Wissen jeglicher Art nicht unbedingt durch erzählerische Stringenz glänzen, stört da wenig. Seit Reich-Ranicki nicht mehr lebt, fordert ohnehin kaum noch ein Kritiker Geschichten ein. Dieser Job ist, inzwischen - Glück oder Unglück bleibt unklar - zur Sache (und Suche) von Verlagsagenten geworden.

In seinem jüngsten Buch. "Glücklich wie Blei im Getreide", erzählt Setz immerhin Geschichten. Und zwar jene, die er als 18-Jähriger geschrieben hat. Das Ganze mag als ironische Selbstbetrachtung angelegt gewesen sein, geraten ist es am Ende doch reichlich selbstverliebt. Selbst dann, wenn der heute 32-Jährige den damals 18-Jährigen für die eine oder andere Pointe ein bisschen "abwatscht": "Das habe ich tatsächlich genau so geschrieben: Jetzt waren sie natürlich neugierig, was die Kamera aufgenommen hatte. Nur zwei Worte entfernt vom Schüleraufsatz-Deutsch, da hätte es geheißen: Da waren sie aber neugierig, was die Kamera aufgenommen hatte."

Wie Setz ist auch Olga Flor ohne Zweifel eine Kritiker-Autorin. Ihr Zeile um Zeile, Seite um Seite präsentes konsumkritisches Bemühen kann daran nichts ändern. Auch wenn sie überzeugen und politisch wirksam sein will: Literatur für ein breiteres Publikum produziert die 47-Jährige nicht wirklich. Von Berufslesern ist ihr jüngster Roman, "Ich in gelb" dafür nahezu hymnisch gefeiert worden. "Außerordentlich ist, wie die Autorin das Potenzial des Formats Blogs ihrer (gedruckten) Literatur einverleibt", jubelte etwa der "Standard". Die "Furche" ging so weit, über den mit dem Medium Blog spielenden Text zu schreiben: "Das Format des Blogs ermöglicht Polyperspektivität und textstrukturelle Innovationen, die es braucht, um die schrillen Gesichter des multidimensionalen Lebens herauszuarbeiten." Das übertraf dann sogar noch die von der Autorin gelieferte Vorlage.