Thomas Sautner erzählt in "Die Älteste" von einer Krebstherapie, die nicht durch Chemotherapie behandelt wird, sondern durch Hinwendung zum Gefühl: Was auf den ersten Blick als ausgesprochen heikles Unterfangen anmutet, entpuppt sich dank einer radikal unaufgeregten Sprache als Bericht einer "wahren Begebenheit".

Im Mittelpunkt stehen zwei ganz unterschiedliche Frauen: Lisbeth als 90-jährige Jenische, die in einem Wohnwagen im Waldviertel lebt und einen Ruf als Wunderheilerin hat, und Sophie, die fest in der westlichen Gesellschaft verankert scheint und exemplarisch für viele Frauen den Spagat zwischen Karriere und Familie zu bewältigen sich bemüht. Doch dieses intensive Leben ist von einem Gegner bedroht, für den die sogenannte Schulmedizin keine wirksame Therapie zu bieten hat: Hirntumor.

Wie schon in Sautners Romadebüt "Fuchserde" nimmt auch in "Die Älteste" die Kultur der vom Verschwinden bedrohten ethnischen Gruppe der Jenischen eine zentrale Rolle ein. Lisbeth hat das tradierte Wissen der Naturmedizin verinnerlicht. Sie bringt die Städterin Sophie rasch dazu, die "Komfortzone" zu verlassen. So badet diese im Schlamm, kriecht in die Erde hinein und wendet sich dem tödlichen Bewohner in ihrem Kopf mit Liebe zu. Viele Details machen anschaulich, dass es in den Prüfungen, die Lisbeth Sophie auferlegt, um eine Achtsamkeit des Wahrnehmens geht.

Nun ist das Wahrnehmen ein weites Feld - und nicht nur von unserem Gehirn gesteuert, und schon gar nicht vom Intellekt, der oft das allzu robuste Brett nicht vor, sondern im Kopf ist. Die Dichotomie von Herz und Hirn ist aber nicht durchgängig, denn schließlich sind auch die kulturellen Errungenschaften der Ältesten eine Folge von Beobachtungen, Erkenntnisprozessen und Schlussfolgerungen. Es bleibt nämlich nicht bei Sophies Selbsterfahrungen; sehr wohl weiß Lisbeth die Kranke mit natur- und somit erfahrungsmedizinischen Hilfen wie entzündungshemmendem Weihrauch zu unterstützen.

Erzählt wird auch von der Ermordung der Jenischen durch die Nationalsozialisten. Lisbeth erwähnt einmal beiläufig, dass "Hitler ihre halbe Familie ins Gas geschickt" hat. Doch nicht nur das persönliche Schicksal von Lisbeths Familie, sondern der grundsätzliche Eingriff in das "Naturell" ihres Volkes wird angeklagt: Dass etwa das Herumziehen verboten wurde und somit zu einer Entwurzelung der Jenischen geführt hat. Es ist dieser - eher im erzählerischen Vorbeigehen - angesprochene Aspekt, der aufmerksam macht: Nicht das Sesshafte schafft hier die Verwurzelung, sondern die Bewegung.

Immer dann, wenn es allzu esoterisch zu werden droht, bringt Sautner eine bodenständige Szene, die den Geruch von allzu harmonisierender Metaphysik wieder verweht. Warum man dieses Buch allerdings "Roman" nennen muss, bleibt fraglich. Im anglo-amerikanischen Raum besteht diese Unart, jeden längeren Text zwangsläufig als Roman zu etikettieren, nicht. Dort gilt der Begriff (short) story, ohne damit eine Einbuße an literarischem Wert ausdrücken zu wollen, auch für längere Texte. In diesem Sinne hat Thomas Sautner eine schöne, komprimierte Erzählung geschrieben. Nicht mehr, nicht weniger.

Thomas Sautner

Die Älteste

Roman. Picus Verlag, Wien 2015, 142 Seiten, 16,90 Euro.