Vor dem Hintergrund der laufenden Spannungen des Westens mit Moskau um die russische Annexion der Krimhalbinsel und der mehr oder weniger direkten Einflussnahme des Kremls zugunsten der pro-russischen Separatisten in der Ostukraine, um offenbar weiteres "Neurussland" zu schaffen, legt der renommierte Russland-Experte Walter Laqueur eine tiefgreifende und wirklich lesenswerte Analyse der russischen Großmachtstrategie vor, die Jahrhunderte überdauert hat - auch die Zeiten des Kommunismus.

Der heute wiederauflebende Stalin-Kult - trotz aller Verbrechen am eigenen Volk - widerspiegelt die "heilige Mission" Russlands als "drittes Rom" auch unter dem "roten Zaren" Stalin. Unter Stalin war die Sowjetunion zu einer Supermacht geworden, worauf viele russische Patrioten überaus stolz waren und sind. Die marxistisch-leninistische Lehre war ein vorübergehendes Phänomen und den "proletarischen Internationalismus" hatte man rasch aufgegeben und vergessen, während der Supermachtstatus ein Grund war, stolz zu sein. Sein Verlust stellte eine große Tragödie dar - auch für den ehemaligen KGB-Agenten und heutigen russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Verrat des Westens?

Heute besteht die große Herausforderung und Mission darin, diesen Status wiederzuerlangen - unter anderem auch in der Arktis. Seit dem Sturz des pro-russischen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch und der Machtübernahme einer pro-westlichen Regierung in Kiew startete Putin offensichtlich eine russische "Roll-back"-Strategie, um "Väterchen Russland" wieder einigermaßen zu alter Stärke und Größe werden zu lassen. Dafür werden auch westliche Sanktionen in Kauf genommen, die insbesondere die russische Wirtschaft auf längere Sicht hart treffen.

Von wenigen Monaten 1917 abgesehen, habe es in Russland nie eine echte Demokratie gegeben. Zu tief sitze in der russischen Gesellschaft daher das Misstrauen und die Abneigung gegenüber Demokratie, betont Laqueur. Nach dem Ende der Sowjetunion und dem Neubeginn des neuen Russlands betrieb auch der neue Präsident Boris Jelzin ein außenpolitisches Doppelspiel. Während er zu Hause offene Feindschaft zur Schau trug, indem er dem Westen die Schuld an den Problemen Russlands gab, schlug er im Umgang mit westlichen Staatschefs wie Bill Clinton oder Helmut Kohl, einen freundschaftlich-konstruktiven Ton an.

Dadurch konnte sich der Kreml die damals dringend benötigte Finanzhilfe des Westens sichern, hält Laqueur fest. Der vom Kreml nunmehr unter Putin gepflegte "Verrat" des Westens, das scheinbare Versprechen nämlich, insbesondere die Nato nach dem Ende des Kalten Krieges nicht nach Osten auszudehnen, sei ein Mythos. Westlichen Dokumenten von damals ist zu entnehmen, dass der damalige sowjet-russische Staatschef Michail Gorbatschow zwar eine derartige Zusage verlangt, aber letztlich nie bekommen hat.

Stattdessen wurde westliche Wirtschaftshilfe zugesichert, um den drohenden Staatsbankrott der UdSSR zu verhindern, betont der Autor. Die dann erfolgte Nato-Osterweiterung und die geplante Nato-Raketenabwehr nähren einmal mehr den alten russischen Argwohn vor westlicher "Einkreisung", wobei man dem Westen nunmehr seit der Ukraine-Krise verschärft Einhalt gebieten und zumindest Teile des "alten Reiches" wieder zurückzuholen möchte - neuer kalter Krieg möglicherweise einkalkuliert, wenn es nur der Staatsräson dienlich ist.

Das "System Putin", gestützt auf KGB-Getreue Putins, nennt Laqueur "eine Diktatur mit Unterstützung der Bevölkerung"; ein autoritäres Regime mit demokratischem Anstrich. Die "grand strategy" Russlands unter Putin beruht auf mehreren Säulen: der russisch-orthodoxen Kirche; auf Nationalismus und Geopolitik nach russischer Leseart ("Eurasianismus"). Es wird sich zeigen, ob Putin bei allem Großmachtstreben noch den notwendigen Strukturwandel einleitet, wenn Russland im 21. Jahrhundert überleben und erfolgreich sein will, schließt der Autor.