Glanz und Glamour blenden auch die Historiker. Die meisten von ihnen, die anlässlich von "200 Jahre Wiener Kongress" (1814/15) Publikationen vorgelegt haben, beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Kongressgeschehen: den Verhandlungen und Verhandlungsstrategien der Souveräne und Diplomaten, die im Wesentlichen hinter den Kulissen stattfanden, den Bällen, Redouten und anderen Fest- und Feierlichkeiten, die vor den Augen einer schaulustigen Menge abliefen. Das verleitete manchen Zeitgenossen zu dem falschen Schluss, auf dem Kongress werde nur getanzt, aber nicht gearbeitet, wie der alte Feldmarschall und Literat Charles de Ligne süffisant anmerkte.

Auf dem Wiener Kongress wurden natürlich auch Resultate erzielt. Wie weitreichend sie waren, wie lange die Neuordnung Europas hielt, die von den Vertretern der Großmächte (Österreich, Russland, Großbritannien, Preußen) ausgehandelt wurde, darüber gehen die Meinungen der Historiker auseinander. Bis heute. "Ohne seine Bedeutung zu schmälern, wird aus den Blickwinkeln der vorliegenden Darstellung jedenfalls der Schluss zu ziehen sein, dass ihm eine bescheidenere Rolle zukommt, als es gegenwärtig den Anschein hat", resümiert Hannes Leidinger. Und widmet in seinem Buch dem eigentlichen Kongressgeschehen nur einen von fünf Abschnitten.

Fremdwort soziale Fürsorge


Der bekannte Historiker richtet seinen Blick über die Stadtmauer hinaus auf die Vorstädte und Vororte, wo die Bettler und Taglöhner, die Flickschuster und -schneider, die invaliden Soldaten, die Fabrikarbeiterinnen und Wäschermädchen ein tristes Leben führten, von der Hand in den Mund lebten. Sie waren es, die die Last der Kriege und die damit verbundenen Notstände und Fährnisse zu tragen hatten. Der Umbau der Gesellschaft vom Feudalstaat zum Frühkapitalismus verschlechterte zudem ihre Lebensbedingungen. Die Herrschenden kümmerten sich nicht um das Los ihrer Untertanen. Soziale Fürsorge war damals ein Fremdwort. Leidinger bettet den Kongress aber auch - und das ist wiederum eine andere Geschichte - in das historische Geschehen davor ein und beschäftigt sich ausführlich mit seinen politischen und ökonomischen Auswirkungen.

Der Blick des Verfassers reicht in diesem Zusammenhang bis in unsere Zeit. Sein wissenschaftlich grundiertes und fundiertes Buch stellt allerdings an den Leser thematisch wie sprachlich hohe bis höchste Ansprüche.

Sachbuch

Trügerischer Glanz. Der Wiener Kongress. Eine andere Geschichte.

Hannes Leidinger

Haymon, 327 Seiten, 24,90 Euro