"Mitgefühl soll unser Polarstern sein; der Referenzpunkt eines ethischen GPS", betont der Dalai Lama bei seinen Vorträgen auf der ganzen Welt immer wieder. Es brauche zuerst eine Gegenkraft für die Energien des Negativen in uns selbst. Wenn die Zukunft der Menschheit nicht nur ein Abklatsch der Vergangenheit sein soll, dann müssen wir uns tiefgreifend ändern, damit destruktive Energien nicht mehr so viel Macht über uns haben und das angeborene Gute in uns immer stärker werden kann. Mitgefühl ist dementsprechend der Kern jedes ethischen Verantwortungsgefühls.

Über alle religiös-politischen Grenzen hinweg setzt sich der aus ärmlichen Familienverhältnissen entstammende, 1935 geborene Tenzin Gyatso, der nunmehr vierzehnte Dalai Lama, der 1959 vor den chinesischen Kommunisten aus der tibetischen Hauptstadt Lhasa nach Indien floh, wo er seither lebt, für eine bessere Welt ein. 1989 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis.

Engagement mit Humor

Er versteht sich als einfacher Mönch, dem alles Salbungsvolle, aller Prunk fernliegt. Gegen 3 Uhr morgens beginnt er täglich seine mehrstündigen Meditationen. Allerdings stellt er stets fest, dass es unrealistisch sei zu meinen, die Zukunft der Menschheit ließe sich mit Gebeten und guten Wünschen alleine gestalten. "Wir müssen vielmehr selbst aktiv werden", betont der vielseitig wissenschaftlich gebildete Dalai Lama, dem trotz allem ernsthaften Engagements für das Gute niemals der Humor ausgeht.

Zum Beispiel hat er bei einer Gesprächsrunde mit Wissenschaftern einleitend folgenden Witz erzählt: Ein Yeti geht auf die Jagd nach Murmeltieren. So stellte er sich vor den Eingang zu einem Murmeltierbau, und wenn eines auftauchte, packte der Yeti es und setzte sich dann auf das arme Tier, um seinen Fang zu sichern und auf weitere Beute zu lauern. Erschien dann aber ein zweites Murmeltier, sprang der Yeti auf, um es zu packen, woraufhin sein "Sitzpolster" das Weite suchen konnte.

Lachend gestand der Dalai Lama den zuhörenden Wissenschaftern ein, so sähe es auch mit seinem Erinnerungsvermögen an alle bisherigen wissenschaftlichen Lektionen aus. Seine forschende Wissbegier, zusammen mit Gelassenheit und Mitgefühl, bedingen beim Dalai Lama ein einzigartiges Werteverständnis, das seine Vision zu einer besseren Welt formt.

Der US-Psychologe Daniel Goleman hat in dem bemerkenswerten Buch, zu dem der Dalai Lama das Vorwort verfasst hat, die wesentlichen Gedanken des Dalai Lama zusammengefasst. Es ist eine Vision, gespeist aus einer "Revolution von innen", die "emotionale Hygiene" voraussetzt, um destruktive Gefühlsmuster abzulegen. Dabei hat der Dalai Lama eine Ethik des Mitgefühls entwickelt - jenseits von Religion und Ideologie. Solcher Art kraftvoll umgesetztes Mitgefühl wird zu einer Messlatte für vielseitige Verbesserungen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, wie überhaupt im "kreativen Miteinander" im Alltagsleben.

In der Umsetzung bedeutet das Transparenz, Fairness und Rechenschaftspflicht, an der Börse ebenso wie bei der Wahlfinanzierung oder in der medialen Berichterstattung. In der Wirtschaft würde eine Ethik des Mitgefühls dafür sorgen, dass man die Verteilung der Güter und nicht nur ihre Anhäufung im Blick hat. Eine dementsprechend "mitfühlende Wirtschaft" beruht nicht auf Habgier, sondern berücksichtigt die Bedürfnisse aller. Kriege sollten dann endgültig der Vergangenheit angehören, wenn alle Streitigkeiten im Dialog bewältigt werden können. Untermauert soll diese Vision durch ein "Erziehungssystem der Herzensbildung" werden.

In der Welt handeln, dabei aber flexibel bleiben und sich geistig weiterentwickeln - so lautet die Empfehlung des Dalai Lama. Auch er hat keine Zauberformel parat, die alle Probleme löst. Die Wende zum Besseren kann nur durch viele kleine Einzelschritte ausgelöst werden. Es kommt darauf an, dass wir jetzt anfangen, die Kraft des Guten in die Tat umzusetzen.