Martin Amanshauser, geb. 1968. Foto: www.corn.at/Deuticke
Martin Amanshauser, geb. 1968. Foto: www.corn.at/Deuticke

Spätestens seit der entlarvenden Kreuzfahrtslektüre "Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich" von David Foster Wallace weiß man, dass es viele Arten von Schiffskatastrophen gibt. Selbst dann, wenn ein Schiff wohlbehalten im Heimathafen einläuft und augenscheinlich alles in Ordnung ist, spielen sich an Bord dramatische Szenen ab. Vor allem, wenn es sich um eine Kreuzfahrt mit einem Luxusliner handelt. In diesem Fall legt die mondäne "Atlantis" in Hamburg ab und Autor Martin Amanshauser macht schon im vorangestellten Zitat des Großadmirals Alfred von Tirpitz klar, in welche Richtung die Reise geht: "Das deutsche Volk hat die See nicht verstanden."

Zuerst läuft alles normal, die Erwartungen werden erfüllt - zumindest jene des Ich-Erzählers Fred Dreher, der geahnt hat, dass er sich auf dieser Fahrt schrecklich langweilen wird. Er ist mit seiner Frau und den beiden Kindern unterwegs - einem etwas beleibten zehnjährigen Sohn und einer mürrischen Teenager-Tochter.

Aber plötzlich schlagen die Wellen hoch, denn Fred trifft seine Jugendliebe Amélie. Der Sturm der neu entflammten Leidenschaft mündet in einen echten Sturm. Kann ein Doppelhüllenschiff sinken? Für den Autor ist es jedenfalls wie ein Koffer mit doppeltem Boden, aus dem er eine spannende Geschichte zaubert. Es werden seltsame Gestalten an Bord gespült und plötzlich erkennt man, was es mit dem zweiten Ich-Erzähler auf sich hat: Es ist ein Geograf und Chronist auf dem Piraten-Zweimaster "Fin del Mundo". Im Zeitloch, das der Sturm gerissen hat, treffen die finsteren Gesellen aus dem 18. Jahrhundert auf das moderne Kreuzfahrtsschiff und seine ahnungslosen Passagiere.

Nun fangen die Turbulenzen erst richtig an. Der Clash of Cultures bringt zahlreiche Missverständnisse. Besonders amüsant wird es, wenn der Chronist des Piratenschiffes, der die "Atlantis" samt Crew abwechselnd für ein Geisterschiff, eine Sekte oder eine verschollene Kultur aus einem früheren (!) Jahrhundert hält, seine Beobachtungen und Mutmaßungen über den erstaunlichen "babelianischen Turm" schildert: "Der heftige Sturm vergangene Nacht hat die Mechanik der Unsichtbarwerdung außer Kraft gesetzt. Worin sie besteht, gälte es noch zu erforschen, die beiden liturgischen Begriffe dafür sind Dschipi Ess und Internet, zwei Mechanismen, über die die Babelianer für gewöhnlich verfügen, die ihnen durch die Havarie abhanden gekommen sind . . ."

Über viele Seiten gelingt es Amanshauser, eine spannende Schräglage zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit zu halten. Auch die Glaubwürdigkeit im Unwahrscheinlichen ist lange Zeit gegeben. Die Piraten werden für fanatische Rollenspieler gehalten. Martin Amanshauser spielt das Gedankenexperiment fantasievoll und gut recherchiert in vielen Details durch und lässt sich von den Wellen, die er aufschaukelt, selber mitreißen. Das liest sich einerseits wunderbar, andererseits stellt sich zunehmend bei so manchen dahinplätschernden Wiederholungen und eher fragwürdig inszenierten Szenen ein Gefühl von leichter Seekrankheit ein.

Spätestens im dritten Drittel des Romans gerät deshalb auch der Autor in eine gefährliche Schräglage. Geht er mit seinem Roman nach so vielen anregenden Schilderungen doch noch baden? Eines kann verraten werden: Er hält sich bis zum Schluss über Wasser und findet immer wieder einen Dreh, seinen Fred Dreher vor dem literarischen Untergang zu retten. Dennoch: Etliche Seiten weniger und stellenweise etwas mehr Wind in den Segeln - dann wäre es eine perfekte Lesereise geworden!

Der Autor liest aus dem Buch im Rahmen der O-Töne am Donnerstag, den 20. August, um 20.30 Uhr im Museumsquartiert, Museumsplatz 1 , Hof 7, 1070 Wien.

Martin Amanshauser

Der Fisch in der Streichholzschachtel

Roman. Deuticke Verlag, Wien 2015, 575 Seiten, 22,60 Euro.