H. P. Lovecraft erfand den "Kosmischen Horror". - © wikipedia
H. P. Lovecraft erfand den "Kosmischen Horror". - © wikipedia

Am Anfang stehen der US-amerikanische Schriftsteller und Herausgeber August Derleth und der in allen literarischen Genres bewanderte österreichische Poet
H. C. Artmann.

Nein - am Anfang steht der Autor selbst, naturgemäß: Howard Phillips Lovecraft, den Vornamen und Phillips, den Mädchennamen der Mutter, meist abgekürzt zu
H. P. Vor ziemlich genau 125 Jahren, am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, wurde der Autor geboren, und als er daselbst am 15. März 1937 starb, hatte er die unheimliche Literatur verändert. Nur wusste es da noch niemand außerhalb eines eingeschworenen Zirkels von Freunden und Anhängern, mit denen er, der sich zum Sonderling stilisierte und wohl auch ein Einzelgänger in jeder Hinsicht war, in tausenden Briefen Kontakt hielt.

Nebel, Düsternis, Gewässer: Ingredienzen, aus denen bei H. P. Lovecraft das Grauen entsteht. Sogar die Speicherstadt Hamburgs könnte eine typische Lovecraft-Szenerie sein. - © : Alex Hagmann/Fotolia
Nebel, Düsternis, Gewässer: Ingredienzen, aus denen bei H. P. Lovecraft das Grauen entsteht. Sogar die Speicherstadt Hamburgs könnte eine typische Lovecraft-Szenerie sein. - © : Alex Hagmann/Fotolia

Einer dieser Freunde und Anhänger (und Nachahmer) war jener August Derleth. Gemeinsam mit Robert H. Barlow und Donald Wandrei sammelte er die verstreut in, ja, sagen wir die Wahrheit: Gruselheftchen erschienen Geschichten Lovecrafts, durchforsteten den Nachlass und gründeten den Verlag Arkham House einzig mit dem Ziel, Lovecraft vor der Vergessenheit zu bewahren. Eine Legende nahm ihren Anfang.

Artmann übersetzt Lovecraft

Sie setzte sich im deutschen Sprachraum fort, als der hochliterarische Insel-Verlag, der Autoren wie Reinhold Schneider, Marie Luise Kaschnitz, Hermann Lenz unter Vertrag hatte und dem ebenso hochliterarischen Suhrkamp-Verlag angegliedert ist, Ende der 60er Jahre auf die Idee kam, unheimliche Literatur herauszubringen. Kalju Kirde, estnischer Physiker und genauer Kenner der Materie, gab die "Bibliothek des Hauses Usher" heraus. Die gebundenen Ausgaben hatten 250 bis 300 Seiten und Schutzumschläge, die unter dem Einfluss des Phantastischen Realismus standen. Der Text war auf blassgrünem Papier von morbider Aura gedruckt. Nie zuvor waren Gruselgeschichten optisch ansprechender und sorgfältiger herausgegeben worden.

Für den ersten Lovecraft-Band, "Cthulhu" betitelt, hatte man sich obendrein eines bemerkenswerten Übersetzers versichert: H. C. Artmann. Er hatte auch in seiner Prosa - war es im autobiografischen "suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken"? - auf Lovecraft verwiesen: Kein großer Stilist, urteilte Artmann, wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, aber er lobte die Geschichten. Artmann selbst setzte sich in "Die Anfangsbuchstaben der Flagge" Lovecrafts Maske auf - natürlich ironisiert, poetisiert, kurz: artmannisiert. Und doch unverkennbar.

Die Insel-Edition war nicht die erste deutschsprachige Lovecraft-Ausgabe. Der Pionier-Ruhm gebührt dem Heyne-Verlag mit der Taschenbuch-Anthologie "12 Grusel-Stories", die freilich nur als billig herausgebrachte Grusel-Stories wahrgenommen wurden und wirkungslos blieben. Die Insel-Edition begründete Lovecrafts Ruf im deutschen Sprachraum.

In der Folge brachte der Insel-Verlag vier weitere Lovecraft-Bände mit anderen Übersetzern heraus. Diese übernahm der Suhrkamp-Verlag in sein Taschenbuchprogramm (mit den violetten Einbänden auch unübersehbar morbide) und fügte weitere Bände hinzu. Schließlich lag Lovecrafts erzählerisches Werk nahezu komplett vor. Doch damit nicht genug: 2005 begann die Edition Phantasia eine luxuriöse Gesamtausgabe mit fünf Bänden Erzählungen, fünf Bänden Gemeinschaftsarbeiten und Überarbeitungen und drei Bänden Theaterstücke und Gedichte. Im selben Jahr startete der Festa-Verlag eine sechsbändige Ausgabe der unheimlichen Erzählungen in Neuübersetzungen, der nun auch die Fantasygeschichten folgen. Außerdem veröffentlicht Festa in der Reihe "H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens" Geschichten und Romane von Autoren aus dem Lovecraft-Kreis und von Autoren, die auf Lovecraft Bezug nehmen.

Mythos Lovecraft

Selbstverständlich gibt es auf Englisch ebenfalls eine Lovecraft-Gesamtausgabe (derzeit bei CreateSpace Independent Publishing Platform), Editionen der kompletten Erzählungen, und sogar in die "Library of America" hat es Lovecraft geschafft. Dort steht er Buchrücken an Buchrücken mit Autoren wie Robert Frost, Mark Twain oder Tennessee Williams. Sowohl in Englisch als auch in Deutsch wächst die Sekundärliteratur zu Lovecraft beträchtlich an, und kaum ein Autor des unheimlichen Segments der Literatur verschweigt, nach Vorbildern befragt, den Namen des Mannes aus Providence, der zu Lebzeiten gerade einmal ein paar Veröffentlichungen in Groschenheftchen, sogenannten Pulp-Magazines, hatte. Viel posthume Anerkennung. Da stellt sich ganz automatisch die Frage, ob zu Recht oder ob da nicht doch auch der Mythos vom Einsiedler, der persönliche Kontakte mied, nie einer geregelten Arbeit nachging und die Schriftstellerei als Liebhaberei eines schrulligen Gentlemans betrachtete, eine Überschätzung verursacht. Zumal ja schon Artmann skeptisch war in Bezug auf Lovecrafts Stil - und ohne sprachliches Können ist bedeutende Literatur unmöglich.

Charakteristisch für Lovecraft ist, seine altertümelnd umständliche Sprache mit gesuchten Adjektiven zu überfluten. Da sind Friedhöfe "nebelzerkaut" und man nimmt "seelenzermürbenden Leichengestank" wahr. "Blasphemisch", "namenlos", "unheilig", "zyklopisch" und "abscheulich" sind für den Kenner Codewörter. Wenn er sie liest, stellt er sich darauf ein, dass Lovecraft nun, um einen Versuch in seinem Stil zu wagen, das namenlose Feuerwerk seiner zyklopischen Blasphemien abzubrennen beginnt (es ist von durchaus untergeordneter Bedeutung, welchem Substantiv welches Adjektiv zugeordnet ist), an dessen Ende ein monströser chimärenhafter Krake, der aus Vorzeiten stammende, gebannte, untote Gott Cthulhu, seinen unterseeischen Palast, erbaut in unheiliger nicht-euklidischer Geometrie, verlässt und auf der Bildfläche uralter Städte (was in den USA so 200 bis 300 Jahre bedeutet) erscheint. Lovecraft ekelte sich im realen Leben vor Fischen und Schalentieren. Rein subjektiv muss für ihn ein Wesen, dessen Hauptbestandteil ein Riesenoktopus ist, der Höhepunkt des Horrors gewesen sein. Auf andere freilich wirkt ein solches Monstrum, gerade nach einem dermaßen übersteigerten Sprachcrescendo, lächerlich, selbst wenn Lovecrafts Versuch, eine Chimäre und ihre unaussprechbare Sprache in Worte zu fassen, als Versuch der Beschreibung des Unbeschreibbaren achtbar bleibt. Doch die forcierten Höhepunkte sind ohnedies nicht Lovecrafts Stärken.