Seltsam symbolisches Geschenk für Willi Bredel (r.) zu dessen 60. Geburtstag, überreicht vom damaligen Präsident der Deutschen Akademie der Künste, Otto Nagel, 1961. - © Wikipedia commons
Seltsam symbolisches Geschenk für Willi Bredel (r.) zu dessen 60. Geburtstag, überreicht vom damaligen Präsident der Deutschen Akademie der Künste, Otto Nagel, 1961. - © Wikipedia commons

Das Ende der Willi-Bredel-Straße in Halle (Saale) kam mit dem Hochwasser im Sommer 2013: Nachdem das Nachwuchszentrum des Halleschen FC komplett überflutet und schwer beschädigt worden war, wurde ein ehemaliges Wohnviertel zum Standort eines neues Fußballzen-trums auserkoren. Dem geplanten Millionenprojekt muss nun die Willi-Bredel-Straße weichen: Sie wird entwidmet.

Nun könnte diese infrastrukturelle Änderung als unbedeutende Fußnote zu dem Gesamtbauvorhaben abgetan werden, wenn dadurch nach der Umbenennung einiger Schulen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin-Mitte, der Stadtbibliothek Rostock sowie einer Berliner Straße nicht bereits zum siebten Mal seit 1990 Bredels Name aus dem öffentlichen Raum verschwinden würde. Dass mit der Willi-Bredel-Straße in Halle auch ein Teil der angrenzenden Erich-Weinert-Straße entwidmet werden soll, wirft zudem die Frage auf, ob nicht nur Bredel, sondern mit ihm eine gesamte Generation linker Schriftsteller allmählich dem Vergessen anheimfällt.

Briefmarke zu Bredels Ehren, 1971. - © ikipedia commons
Briefmarke zu Bredels Ehren, 1971. - © ikipedia commons

Im Antiquariat gelandet

Ganz sicher haben viele von Bredels Weggefährten inzwischen sehr an Bekanntheit eingebüßt, haben ihren einst hohen Status bei der Leserschaft und in der Literaturgeschichte gründlich verloren: Wegen der in ihren Werken anklingenden sozialkritischen Töne in der ziellos restaurativen Weimarer Republik ausgegrenzt und abgeurteilt und im Dritten Reich verdrängt und vergast, boten sich Schriftsteller wie Johannes R. Becher, Hans Marchwitza, Jan Petersen oder Friedrich Wolf, auch aufgrund ihres antifaschistischen Engagements während des Zweiten Weltkrieges, an, in der DDR bewusst fehlinterpretiert als Wegbereiter einer realsozialistischen Gesellschaftsordnung aufgebaut zu werden.

Das Werk in Massenauflagen geradezu endemisch vertrieben, die Person hochgeehrt, doch politisch kaltgestellt und unauflösbar verfangen in einem moralischen Gestrüpp aus Privilegien und Zugeständnissen, blieben die ersten Autoren der DDR dem jungen Staat im Herzen fremd, ohne sich von ihm offen lösen zu können. Der Lebensweg von Kurt Barthel, Alfred Kurella, Bodo Uhse und anderen mehr ist letztlich auch eine Geschichte vom Scheitern an dem eigenen Anspruch als Mensch und Schriftsteller: "Zu einer innerlich wahrhaftigen Literatur, wie wir sie erstreben, gehört Kritik, vor allem auch Selbstkritik", hatte Bredel im Sommer 1949 gefordert.

Nach 1990 sanken die Namen dieser tragischen, weil politisch immer heimatlosen Schriftsteller in die Wühltische der ostdeutschen Antiquariate, und nur wenige von ihnen - wie etwa Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers und Arnold Zweig - haben sich in der Gunst der Leser und Literaturforscher halten können, wenngleich Werk und Lebensweg fortan der Makel des Verführtwordenseins durch den Arbeiter- und Bauernstaat anlastet.

Wie vielen anderen ist Willi Bredel dieses Schicksal offenbar nicht beschieden gewesen. Der aus einfachen Verhältnissen stammende, 1901 in Hambrug geborene Dreher erfuhr 1961, zu seinem 60. Geburtstag, die höchste Ehrung in Form des Vaterländischen Verdienstordens in Gold und einer vielbeachteten Gedenkschrift, in der sich all seine namhaften und weniger bekannten Freunde von Leonhard Frank bis zum Nobelpreisträger Romain Rolland zu Wort meldeten. Zehn Jahre darauf zierte sein Konterfei eine Briefmarke (siehe Abbildung), doch das erlebte der bereits 1964 verstorbene Schriftsteller nicht mehr.

Bredels äußerer Lebensweg erstaunt, da er rückblickend den Menschen dahinter derart zum idealtypischen Vertreter der ersten linken Schriftstellergeneration ausweist, dass es einer postumen Idealisierung durch die ostdeutsche Kulturpolitik kaum noch bedurfte. Schon der Vater hatte als der SPD zugetaner Proletarier beruflich wie politisch mit seiner bürgerlichen Herkunft gebrochen.

Bredel blieb ganz auf dieser Linie, als er sich 1916 mit dem Beginn seiner Lehrzeit zum Metallarbeiter der Sozialistischen Arbeiterjugend anschloss. Unter den Hamburger Hafenarbeitern fand er schließlich zur KPD, nahm im Oktober 1923 am Hamburger Aufstand teil und kam anschließend für kurze Zeit in Haft. Als Dreher, Chauffeur und Seemann schlug er sich anschließend durch die Weimarer Republik, kam bei der "Hamburger Volkszeitung" als Redakteur unter und konnte dort schnell sein satirisches Talent unter Beweis stellen - das ihm 1930 zwei Jahre Festungshaft wegen Hochverrats einbrachte.

Hinter Gittern ließ Bredel sein bisheriges Leben literarisch Revue passieren, wobei er allerdings seinen Werdegang nicht individuell herausstellte, sondern als Grunderfahrung einer großstädtischen Arbeiterschicht darstellte. Die Romane "Maschinenfabrik N. & K." (1930) und "Rosenhofstraße" (1931) entstanden in schneller Folge, erreichten durch den preiswerten Vertrieb über den Internationalen Arbeiter-Verlag ebenso rasch eine große Leserschaft und begründeten Bredels Ruf als jener sozialdemokratische Jugendautor, den Friedrich Wolf in ihm später erkannte - ein kameradschaftliches Lob, das aus Wolfs Moskauer Emigrantendasein heraus zugleich als leicht maßregelnder Seitenhieb von links gemeint war.