Werkausgaben, das sind zumeist kiloschwere Schuber, die mehr für Bibliotheken denn für normale Leser gedacht sind. Und wer in der Tat bereit ist, mehrere hundert Euro auszugeben für das in edles Leinen gebundene Gesamtwerk eines Schriftstellers, der wird die Bücher mehr fürs Renommee denn für die Lektüre kaufen. Und so dämmern sie denn dahin, die teuren Werkausgaben, zumeist auf dem obersten Regal, wo sie über all den vielen gelesenen Büchern thronen und warten, bis ihre Zeit dereinst einmal kommt, endlich.

Ein solches Schicksal, so muss man befürchten, dürfte auch einigen der Schuber widerfahren, die das gegen viele Widerstände erkämpfte Werk des deutschen Autors Ernst Toller in fünf gewichtigen Bänden enthalten. Das wäre aber sehr bedauerlich. Denn so einen wie Toller gab es nicht oft in der deutschsprachigen Literatur: Er war Dramatiker und Revolutionär - oder vielmehr sollte man sagen: ein in politischer wie ästhetischer Hinsicht revolutionärer Dramatiker. Denn den extremistischen Traum eines jeden radikalen Schriftstellers hat Toller wahr gemacht: Mit der Kraft des Wortes griff er im Gefolge der Münchner Räterevolution nach dem Ersten Weltkrieg ein in die Welt, als er kurze Zeit zum revolutionären Ministerpräsidenten des revolutionären Bayern wurde.

Kurt Eisner war im Februar 1919 von einem reaktionären Aristokraten erschossen worden, der redegewandte Toller wurde sein Nachfolger. Und so hatten im Frühjahr 1919 die Worte des Dichters die Macht, einzugreifen in die Ordnung der Dinge: Er erließ Befehle, Verordnungen und Anweisungen, denen die Behörden wie die Bürger zu folgen hatten. Zumindest für die sechs Tage, in denen er über den revolutionären Freistaat herrschte. Doch das revolutionäre Theater eines Dichters an der Macht dauerte nur kurze Zeit, zumal der Pazifist Toller bei der Erschießung von Gefangenen nicht mitspielen wollte.

Politischer Werdegang

Am Ende nahmen ihm die Kommunisten die Macht ab und bald darauf marschierte ohnehin die Konterrevolution in München ein. Toller musste sich verstecken, um sein Leben zu retten. Nachdem man ihn aufgespürt hatte, wurde er im Juli 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt; das engagierte Plädoyer, das Max Weber für seinen ehemaligen Studenten vor Gericht hielt, bewahrte ihn wohl vor der Hinrichtung.

Sechsundzwanzig Jahre war Toller da alt. Vorzeitige Entlassungen gab es damals nur für die Rechtsradikalen - Hitler oder der Mörder von Eisner, Anton Graf Arco-Valley, mussten ihre Strafen nicht absitzen. Toller jedenfalls nutzte die Haftzeit: er schrieb. In seiner 1933 bereits im Exil erschienenen Autobiographie "Eine Jugend in Deutschland" erinnerte er sich seines Lebens: von seiner bürgerlichen Kindheit als 1893 geborener Sohn eines Kaufmanns nahe Posen bis zu seiner Studentenzeit in Grenoble, wo er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebt. Selbstkritisch rekapituliert der spätere Sozialist und Pazifist seine freiwillige Meldung zum Kriegsdienst, sein zunächst patriotisches Morden auf französischen Schlachtfeldern im Dienste des Vaterlands. Er wird sogar zum Unteroffizier befördert, ist da aber längst schon desillusioniert von der Realität des Schlachtgetümmels: "Der Krieg ließ mich zum Kriegsgegner werden", schreibt er in seiner Autobiographie.

Ein totaler psychischer wie physischer Zusammenbruch ist die Folge und erzwingt sein Ausscheiden aus der Armee. Das unterbrochene Studium wird fortgesetzt in München, wo sich die entscheidende Wende ereignet: Toller lernt die Protagonisten der Schwabinger Bohème kennen, freundet sich mit Autoren wie Thomas Mann, Frank Wedekind oder Rainer Maria Rilke an. Ungleich wichtiger für seinen politischen Werdegang wird aber Gustav Landauers "Aufruf zum Sozialismus"; Toller schlägt sich mit ganzer Kraft auf die Seite der Revolution, gehört aber nicht zu den Kommunisten sondern geht zur USPD, einer linken Abspaltung der SPD. Zusammen mit den Autoren Gustav Landauer und Erich Mühsam wird Toller einer der führenden Protagonisten der Räterepu-blik bis zu deren Niederschlagung durch konterrevolutionäre Freikorpstruppen. Drei Schriftsteller an der Macht - wann hätte es sowas in Deutschland zuvor je gegeben?

Es gehört zu den vielen Wunderlichkeiten im Leben Tollers, dass er während seiner Haftzeit zu einem der führenden Bühnendichter seiner Zeit avancierte mit Stücken wie "Die Wandlung" (1919), "Masse Mensch" (1920), "Die Maschinenstürmer" (1921) oder "Hinkemann" (1922). Sie gelten bis heute zurecht als Klassiker des Expressionismus, doch Toller konnte wegen seiner Inhaftierung keine einzige der Uraufführungen besuchen.

Nachdem er wieder frei kam, war die erste Hälfte der sogenannten Goldenen Zwanziger schon vorbei. Toller schrieb weiter, kühner denn je. Etwa durch seine avantgardistische Revue "Hoppla, wir leben noch", mit dem Erwin Piscator 1927 seine Bühne am Berliner Nollendorfplatz eröffnete, feierte er weitere verdiente Erfolge, während es mit der prekären Demokratie der Weimarer Republik stets weiter bergab ging.