"Das Ziel der Literatur ist die Schaffung eines eigenartigen, mit Pelz überzogenen Gegenstandes, der einem das Herz zu brechen vermag." Nimmt man diese frei übersetzte Definition von Donald Barthelme als Maßstab, der damit keine kuscheligen Teddybären meint, dann hat A. L. Kennedy das Wesen der Literatur präzise erfasst. Sie kann beides außerordentlich gut: eine gefühlsstarke Handlung erzählen und diese kunstvoll literarisch verpacken.

Kennedys neue Sammlung von Erzählungen erschien 2014 unter dem Titel "All the Rage" bei Jonathan Cape in London. Auch der deutschsprachige Titel "Der letzte Schrei" ist gut gewählt, obwohl er eher auf Zeitgeist und Verzweiflung anspielt als die Wut zu betonen, die in einigen dieser zwölf Geschichten den Grundton entscheidend mitbestimmt. Denn die Verlorenheit des modernen Menschen, die Kennedy beschreibt, bringt auch Aggression und Selbstaggression mit sich. So zeigen bereits die ersten beiden Sätze der titelgebenden Erzählung pointiert, in welche Richtung die Reise geht: "Mark hätte nie gedacht, er würde mal in Betracht ziehen, sich vor einen Zug zu werfen. Wie sich herausstellte, lag er damit falsch."

In Betracht ziehen heißt allerdings nicht, sich tatsächlich umzubringen, noch dazu, da der Antiheld dieser Geschichte in einem Kaff-Bahnhof auf einen Zug wartet, der nicht und nicht kommen will. Der leere Bahnhof als Bild für Desorientierung wurde literarisch vielfach bemüht, bei Kennedy wirkt das aber nicht abgeschmackt, denn sie hat eine interessante Geschichte zu erzählen.

Der vierzigjährige, gebundene Mark verliebt sich in eine Punkerin, die sich ihm so willig unterwirft, dass er das Besitzen der Geliebten eine Zeitlang für möglich hält. Aber das Gegenteil tritt ein: Er kann die junge Frau nicht wirklich erreichen und verliert dadurch auch den Bezug zu sich selbst.

In belasteten Seelenzuständen zwischen geplanter und geprobter Flucht befinden sich die meisten von A. L. Kennedys Protagonisten: Simon, ein Bub, dessen Eltern getrennt leben, hat vom Vater einen Hund bekommen. Als er am Strand mit dem Spaniel spielt, erfasst ihn plötzlich der Drang zur Grausamkeit, denn er weiß, dass ihm die Mutter nicht erlauben wird, den Hund zu behalten. - Eine Frau, die ihren Freund verlässt und sich nach Liebe sehnt, gerät zufällig in einen Sexshop und wird mit einem Sortiment Dildos konfrontiert. "Die einfachste Lösung war, das Ding schlicht zu kaufen." - Ein Mann räumt nach dem Tod seiner Frau die Wohnung aus und muss erkennen, wie sachlich bis kaltblütig seine möglichen Nachmieter die ihm ans Herz gewachsenen Räumlichkeiten beurteilen, in denen er so viele Jahre glücklich war.

Wer solche Geschichten emotional aufwühlend erzählen kann, ohne in die Nähe des Kitsches oder der Peinlichkeit zu geraten, muss Hoffnungslosigkeit und Zuversicht, Bissigkeit und Humor, Trauer und Trost genau abwägen und sich grandios aufs Schreiben verstehen. Bei der Britin A. L. Kennedy ist das der Fall.

A. L. Kennedy

Der letzte Schrei

Erzählungen. Übersetzt von Ingo Herzke. Hanser, München 2015, 200 Seiten, 20,50 Euro.